Zum 75. Geburtstag: Köln-Legende Wolfang Weber im Karriere-Interview

»Ich wollte nicht als Feigling dastehen«

Wadenbein- und Rippenbrüche? Der »Bulle« spielte einfach weiter, wurde zur Kölner Legende und zum tragischen Helden von Wembley. Wolfgang Weber über Treffen mit der Queen, böse Briefe von Sepp Herberger und seinen besten Jugendfreund »Butterstulle«.

Bild: Marc Jahnen
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Wolfgang Weber spielte von 1963 bis 1978 für den 1. FC Köln, mit dem er zwei Meistertitel und drei Mal den DFB-Pokal gewann. Für die deutsche Nationalelf lief er ab 1964 insgesamt 53 Mal auf und nahm an den Weltmeisterschaften 1966 und 1970 teil. Ab 1978 war Weber Trainer beim SV Werder, wo er im Winter der Abstiegssaison 1979/80 jedoch vorzeitig entlassen wurde. Sein Freund Wolf­gang Overath gab ihm aufgrund seiner Zweikampfstärke den Spitznamen »Bulle«. Zu seinem 75. Geburtstag veröffentlichen wir erstmals auch online das große Karriere-Interview aus Ausgabe #168. Und wünschen Wolfgang Weber an dieser Stelle alles Gute!


Wolfgang Weber, wie hält man 75 Minuten lang in einem Europapokalspiel mit gebrochenem Wadenbein durch?

Indem man humpelt. (Lacht.) Ich bin auf die rechte Seite des Spielfeldes gegangen und habe mich dort sehr zurückgehalten. Ich sagte zu meinen Mitspielern: »Wenn es gar nicht anders geht, dann könnt ihr mich anspielen. Ich werde versuchen, den Ball dann etwas zu halten.«

Es passierte im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister 1965 in Rotterdam: Sie spielten mit dem 1. FC Köln gegen den FC Liverpool. Wie kam es zu der Verletzung?
Ich bin in der Anfangsphase mit Gordon Milne zusammengeprallt, es war kein Foul, eher ein unglücklicher Zusammenstoß. Danach verspürte ich einen entsetzlichen Stich im Bein, doch bei der Behandlung am Spielfeldrand konnte der Doktor nichts feststellen. In der Halbzeitpause hat er mir dann erst einmal eine schmerzstillende Spritze verpasst.

Stimmt es, dass der Arzt Sie anwies, als Belastungstest von der Massagebank zu springen?
Ich bin zwar gesprungen, aber auf dem linken, nicht auf dem lädierten rechten Bein gelandet. Anders hätte ich es, glaube ich, nicht ausgehalten. Sie müssen sich vorstellen: Es gab damals noch keine Auswechslungen und meine Mitspieler sagten: »Mensch, Wolfgang, stell dich nicht so an.« Da wollte ich auch nicht als Feigling dastehen.

Welche Diagnose stellte der Arzt?
Er hielt meine Verletzung für eine starke Prellung. Er drückte auf die Stelle und ich schrie vor Schmerzen. Ich mache ihm da aber bis heute keinen großen Vorwurf.

Wie erlebten Sie das Spiel?
Die Engländer haben unsere Dezimierung professionell ausgenutzt und eine 2:0-Führung herausgeschossen. Doch kurz vor der Pause verkürzte Karl-Heinz Thielen zum 1:2, Hannes Löhr erzielte mit einem wunderbaren Distanzschuss den Ausgleich. Heinz Hornig wurde zudem ein reguläres Tor aberkannt. Warum – das wird für immer das Geheimnis des Schiedsrichters bleiben. Das Spiel ging in die Verlängerung, zwei Mal 15 Minuten, und ich humpelte derweil weiter an der Außenbahn entlang.

Sie hatten sogar noch eine Torchance.
Zwei sogar. Einmal bei einem Kopfball, und etwas später habe ich am Sechzehner abgezogen. Aber der Ball ging knapp vorbei.

Noch mal: Wie haben Sie das ausgehalten?
Ich wollte meine Mitspieler nicht im Stich lassen, das war meine Motivation. Im Nachhinein muss man sagen: Mit gebrochenem Wadenbein spielen, das sollte man nicht allzu oft machen. (Lacht.)

Das Spiel wurde letztlich durch einen Münzwurf des Schiedsrichters entschieden.
Ich saß an der Mittellinie und sah die Spielertraube am Sechzehner. Ich dachte: »Warum springt denn da keiner hoch?« Die Münze blieb beim ersten Wurf im Boden stecken. Das war unglaublich. Kurz darauf sprangen nicht meine Mitspieler, sondern die Roten in die Höhe. Wenn dieses Spiel etwas Gutes hatte, dann die Einführung des Elfmeterschießens als Konsequenz. Für uns war es wie das Ende einer Ära. In der Folge wurden wir nur noch Vizemeister. Heute würde man sich in Köln über so eine Platzierung freuen, aber für uns war das seinerzeit eine riesengroße Enttäuschung.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie sich einen Wadenbeinbruch zugezogen hatten?
Nach der Rückkehr fuhr ich mit unserem Masseur in die Uniklinik, dort wurde ich geröntgt. Doch allein die Reise zurück nach Köln war für mich sehr schlimm. Wolfgang Overath und ich waren die beiden Jüngsten in der Mannschaft, deshalb mussten wir die Koffer tragen. Beim Spiel in Rotterdam hatte es geregnet, deswegen waren die Klamotten doppelt schwer. Es fühlte sich an, als würden die Koffer mehrere Zentner wiegen. Doch ich habe es damals nicht gewagt, den Trainer anzusprechen.