Sportpsychologe Thrien über späte Tore

»Bayerndusel ist ein Produkt der Selbstverständlichkeit«

Mit acht Toren in der Nachspielzeit ist Dortmund saisonübergreifend auf dem Weg zu einem neuen Rekord. Warum der BVB so spät noch erfolgreich ist, erklärt Sportpsychologe Henning Thrien. 

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Henning Thrien, sie betreuen verschiedene Fußballprofis und waren auch schon bei Werder Bremen tätig. Sie müssten es doch wissen: Warum trifft Dortmund oft so spät?
Es liegt einerseits an der Erfahrung. Wenn man das bereits ein oder zwei Mal geschafft hat, dann steigt der Glaube daran, dass man das noch ein drittes und viertes Mal erreichen kann. Die Spieler wissen, dass sie in dieser Phase gefährlich sind und das hilft enorm. Eine stabile und funktionierende Psyche ist sehr wichtig, denn wenn der Kopf nicht die richtigen Signale sendet, werden die Beine auch oft nicht das machen, was sie machen sollen. Körperlich muss die Mannschaft dafür natürlich fit sein.

Kann man den Kopf für die letzten Minuten trainieren?
Es gibt Trainingsformen die simulieren sollen, unter Druck zu spielen. Hoch stehen, pressen, attackieren und schnelle Tore schießen. Man muss aber ehrlich sagen: Zu 100 Prozent kann man die Wettkampfbedingungen damit nicht abbilden.

In dieser Saison fällt auf, dass sowohl Borussia Dortmund als auch Borussia Mönchengladbach in der zweiten Halbzeit 18 Tore mehr als in der ersten Halbzeit geschossen haben. Damit grenzen sie sich deutlich vom Rest der Liga ab. Zum Vergleich: Elf Mannschaften schossen in der ersten Halbzeit mehr Tore.
Gladbach und der BVB sind sich ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit bewusst. Deswegen prägt sie ihr kollektives Selbstvertrauen. Jeder weiß: Selbst wenn es in der 75. Minute noch 0:0 steht, können wir die Partie noch gewinnen. 

Lothar Matthäus hat mal gesagt: »Wenn man sich einredet, man ist müde, dann ist man müde«. Also stimmt es, dass bestimmte Denkweisen Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit haben?
Das stimmt definitiv. Aber das Schöne ist, dass der Spruch von Matthäus auch andersrum funktioniert. Es gibt das Zitat von Muhammad Ali: »Um ein großer Champion zu sein, musst du dran glauben, der Beste zu sein. Wenn du es nicht bist, tue wenigstens so«. Also frei nach dem Motto: »Fake it till you make it«. Der Kopf ist sowohl in die eine als auch in die andere Richtung entscheidend.