Robin Gosens über wilde Nächte in der Jugend und seinen Weg in die Serie A

»Dann wurde vorgescheppert«

Angeblich möchte Schalke 04 Robin Gosens verpflichten. Dabei kickte der als 18-Jähriger noch auf dem Dorf, ging in die Disco und versaute sein Probetraining beim BVB. Wie konnte ein Typ wie er Profi werden? Wir haben mit ihm über seine wahnwitzige Karriere gesprochen. 

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Robin Gosens, als Jugendlicher wurden Sie von Borussia Dortmund zum Probetraining in der U19 eingeladen. Heute nennen Sie den Nachmittag ein »Fiasko«. Warum?
Weil ich mich schon beim Aufwärmen gefragt habe: »Robin: Wat machst du hier eigentlich?«

Schon beim Aufwärmen?
Es unterschied sich maximal von allem, was ich kannte. Ich spielte damals beim VfL Rhede, erste Leistungsklasse Niederrhein. Ordentliches Niveau, aber im Endeffekt besserer Bauernfußball. Bei uns in Rhede machten wir zu Trainingsbeginn ein Eck auf, alberten ein bisschen rum, dann gab es Schusstraining, dann ein Spielchen, und danach ging es auch schon wieder ab nach Hause. In Dortmund lag eine Koordinationsleiter auf dem Rasen. 


Klingt nach dem falschen Trainingsgerät für einen nervösen Jugendlichen.
Schon da lief es katastrophal. Bei den für mich viel zu komplexen Passübungen wurde es nicht besser. Aber das Schlimmste kam erst noch. Ein taktisches Elf gegen Elf über den ganzen Platz. Ich wurde überrannt. Ich habe mich die ganze Zeit hilflos umgeguckt und hatte keinen Schimmer, wo ich hinlaufen soll. Unter dem Strich ein Fiasko. Nach dem Training sprach ein Betreuer mit mir. Er sagte: »Wir melden uns dann bei dir, falls etwas sein sollte.« Aber ich wusste genau: Das Thema ist durch. Ich habe auch nichts mehr aus Dortmund gehört.

Wie fühlt man sich, wenn man eine derart große Chance verpasst?
Ach, ich war nicht mal sonderlich traurig. Die anderen Jungs waren einfach zu gut gewesen, es war nicht mal knapp zwischen uns. In meiner Dorftruppe in Rhede war ich ein kleiner Star, aber dort, in Dortmund, war ich ein Niemand.

Bis auf den BVB hatte Sie bis dahin kein größerer Klub auf dem Schirm. Wieso?
Ehrlich gesagt war ich als Jugendlicher, zumindest bis zur B-Jugend, kein auffälliger Spieler. Klar, ich war in Rhede ein Leistungsträger, dort waren alle zufrieden mit mir. Und als ich 17 war, hörte ich auch immer öfter, dass ich mich sehr gut entwickelt hätte. Aber es war nie so, dass irgendwer angekommen wäre und gesagt hätte: »Alter, du bist ja eine Rakete! Mach was aus dir!«

Wollten Sie denn Profi werden?
Natürlich hatte ich den Traum im Hinterkopf. Aber ich hatte damit abgeschlossen. Und ich war ja auch nicht unglücklich mit meinem Leben.

Wie lief ihr Leben denn so?
Unter der Woche ging ich zur Schule. Nebenher jobbte ich an einer Tanke hinterm Tresen.

Und am Wochenende?
Freitagabends verabschiedete ich mich von meinen Eltern mit den Worten: »Sonntag, nach dem Spiel, könnt ihr mich wieder abholen.« Dann fuhr ich von Elten rüber nach Rhede, dort wohnten alle meine Kumpels. Und dann waren wir zwei Abende unterwegs. Das volle Programm.

Wie sah das aus?
Freitag raus, Samstag raus, die Nächte durchzelebriert. In Rhede gab es eine angesagte Dorfdisco, das »Blues«. Davor trafen wir uns meistens bei den Eltern meines Mannschaftskollegen Buggi (André Bugla, d. Red.) im Keller. Dort wurde dann vorgescheppert. Zu der Zeit trillerten wir immer den gleichen Song: »Kama Ahava«. Ich weiß gar nicht, von wem der ist, aber der Text geht nur so: »Kama, Kama Ahava!« Der letzte Schwachsinn, aber wir haben dieses Lied übertrieben gefeiert. Irgendwann fuhren wir dann alle zusammen mit den Fahrrädern zum Blues. Wunderbare Nächte.

Auch vor Spielen?
Klar. Eigentlich erstaunlich, dass wir das durchgestanden haben, ganz verkehrt war das Niveau ja auch nicht. Aber Buggi und ich hatten stets das Gefühl: Je länger wir unterwegs waren, desto besser lief es auf dem Platz. 


Kurz nach dem BVB-Probetraining wurden Sie bei einem Auswärtsspiel in Klewe von einem niederländischen Scout entdeckt. Waren Sie vor dieser richtungsweisenden Partie auch im Blues?
Und ob. Ich hatte maximal eine Stunde geschlafen, es war eine der Nächte, in denen wir mehr oder weniger direkt aus dem »Blues« zum Treffpunkt gestolpert sind.

Wie konnte das gutgehen?
Ich weiß es nicht, aus heutiger Sicht ist das für mich fast unvorstellbar. Aber vom Anstoß weg habe ich die Sterne vom Himmel gespielt. Ich schoss ein Tor selber, ich bereitete weitere Tore vor, im Prinzip gelang mir alles. Direkt nach dem Spiel, ich war gerade auf dem Weg vom Platz in die Kabine, sprach mich dann ein Typ an. Er meinte, er sei ein Scout von Vitesse Arnheim und eigentlich wegen eines anderen Spielers gekommen. Jetzt wollte er aber lieber mit mir reden.