Lutz Pfanennstiel über sein weltweites Netzwerk und 101 Tage im Knast

»Ich weiß, was wichtig ist«

Seit Dezember ist Lutz Pfannenstiel Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf. Wir haben mit dem ehemaligen Weltenbummler gesprochen. Über seinen Gefängnisaufenthalt in Singapur, »Reise nach Jerusalem« in Afrika und das emotionale Fortuna-Umfeld. 

imago images

Lutz Pfannenstiel, bei unserem bisher letzten Telefonat waren Sie gerade im brasilianischen Urwald.
Das muss dann 2008 gewesen sein, als ich bei AC Hermann Aichinger in Ibirama spielte. Seitdem hat sich einiges getan.

Damals hatten Sie gerade Ihr großes Ziel erreicht: Sie waren der erste Fußballprofi, der in allen sechs Kontinentalverbänden gespielt hat. Wir sind einigermaßen überrascht, dass ein Mann mit Ihrer Vita und Ihrem Weltenbummler-Image ins Establishment des deutschen Fußballs aufgenommen worden ist.
So überraschend finde ich das gar nicht. Im Endeffekt ist es für den Job als Sportvorstand oder Manager doch nicht entscheidend, ob man 50 Länderspiele und 300 Bundesligaspiele in seinem Lebenslauf stehen hat. Viel wichtiger ist doch, dass man den internationalen Transfermarkt lesen kann – und vor allem, dass man über gute Kontakte verfügt. Netzwerke sind im Fußball sehr, sehr wichtig, insbesondere auf internationaler Ebene.

Stichwort Globalisierung...
Genau. Auch im Fußball nimmt die Globalisierung immer mehr zu. Die ist hier in den letzten Jahren regelrecht durch die Decke gegangen. Bei meinen vielen Stationen habe ich gelernt, mit den unterschiedlichsten Menschen und Mentalitäten umzugehen. Das hilft mir, wenn ich mit einem afrikanischen Spieler spreche oder mit einem brasilianischen Berater verhandle.

Sie haben bei über 20 Vereinen auf der ganzen Welt gespielt und viel erlebt. Gab es etwas, das Ihr weiteres Leben ganz besonders geprägt hat? Zum Beispiel der Gefängnisaufenthalt in Singapur? Sie saßen wegen eines angeblichen Wettbetrugs zu unrecht 101 Tage im Knast.
Ich weiß seitdem, was wirklich wichtig ist im Leben: Familie, meine Eltern, Spazierengehen, essen und trinken. Ganz einfache Dinge. Aber es gab so viele Eindrücke und Begegnungen, die mich geprägt haben. Vor allem habe ich dabei viel im Umgang mit Menschen gelernt.

Wie viele Kontakte haben Sie in ihrem Handy gespeichert?
Das weiß ich nicht, da müsste ich nachschauen. Natürlich sind es sehr viele – man kann gar nicht genug davon haben. Kontakte muss man aber auch pflegen, das ist sehr wichtig. Es gibt Leute, die melden sich nur, wenn sie was brauchen. Und sobald das erledigt ist, tauchen sie wieder ab. Kontaktpflege sieht natürlich anders aus.

War es schon immer Ihr Lebensplan, nach der aktiven Zeit Fußballmanager zu werden?
Ich habe anfangs als Trainer gearbeitet, unter anderem in Afrika. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Es gibt da so eine Gruppe von Trainern, die in Afrika hängen geblieben sind und die immer wieder neue Jobs annehmen – das ist ein bisschen wie die »Reise nach Jerusalem«. Das wäre natürlich eine Möglichkeit gewesen. Aber dann habe ich mich doch für einen anderen Weg entschieden, nämlich Mannschaften zu planen, Spieler zu verpflichten. Ich habe gemerkt, dass ich hier meine Fähigkeiten und mein Netzwerk sehr gut einsetzen kann.

Und warum in Deutschland?
Das war eine Grundsatzentscheidung. 20 Jahre lang bin ich unterwegs gewesen. Es ist dann der Punkt gekommen, an dem ich mir gesagt habe, jetzt will ich in Deutschland, in der Bundesliga arbeiten und mich hier etablieren. Ich hatte ja fast nie in Deutschland gespielt. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in Hoffenheim eine Chance bekommen habe. Dort war ich Scout und für die für internationalen Beziehungen zuständig. Als dann die Anfrage von der Fortuna kam, hatte ich bei den Gesprächen schnell das Gefühl, dass das der richtig Schritt für mich ist.

Sie sind eine Art Glücksbringer. Als Sie Mitte Dezember Ihren Vertrag unterschrieben, war die Fortuna Tabellenletzter. Jetzt liegt Düsseldorf auf Rang zehn – mit 16 Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz.
Stimmt – hört sich ein bisschen nach Talisman an. (Lacht.) Das Timing hat halt gepasst. Ich bin zu einem Zeitpunkt dazu gestoßen, als die Mannschaft immer stabiler geworden ist. Als Aufsteiger braucht es einfach ein bisschen Zeit, bis man sich an die Geschwindigkeit und die Intensität in der Bundesliga gewöhnt hat. Man darf auch nicht vergessen, dass wir den geringsten Etat in der Liga haben – wir können keine großen Sprünge machen. Von daher ist es sensationell, was die Mannschaft in den letzten Wochen und Monaten geleistet hat. Das Kollektiv funktioniert hervorragend. Und damit meine ich nicht nur die Mannschaft, sondern auch das Trainerteam und die Leute, die im Hintergrund arbeiten – einfach alle.