Interview mit Schiedsrichter Felix Brych

»Big Macs bei McDonald’s«

Stimmt es, dass Sie nach dem Champions-League-Finale zwischen Madrid und Juventus Turin vor zwei Jahren eine große Feier gemacht haben?
Ja, denn Endspiele sind für uns die einzige Möglichkeit zum Feiern, weil da Familie und Freunde mitkommen können. Nach Cardiff haben meine Assistenten und mich fast 40 Leute begleitet, da haben wir nachts um fünf noch Big Macs bei McDonald’s bestellt – und nicht nur das. Es war wirklich schön, bei mir ist der Druck vieler Jahre abgefallen, weil ich unbedingt ein Finale der Champions League pfeifen wollte. 

Und nun haben Sie nichts mehr zu verlieren.
Ich kann aber auch nichts mehr gewinnen. Als ich mit 25 Jahren in der zweiten Bundesliga war, habe ich alles auf die Karte Schiedsrichterei gesetzt. Ich habe zwar meine Examina als Jurist gemacht, aber in meinem Beruf nur Teilzeit gearbeitet. Dafür habe ich als Schiedsrichter ganz viel erreicht, aber mehr geht leider nicht mehr. Jetzt ist mein Ziel, das Niveau zu halten. Als Auslaufmodell möchte ich die letzten Jahre bestimmt nicht gelten.

Herr Brych, welche Regelfrage wird Ihnen von Freunden und Bekannten am häufigsten gestellt?
Gute Frage, was vermuten Sie?

„Felix, was ist Hand?“
Stimmt! Das ist wirklich eine schwierige Frage, die man nie abschließend wird klären können. Die Grenze ist fließend, je weiter der Arm vom Körper weg ist, umso mehr ist es Handspiel. Aber ganz genau wird man das nie sagen können.

Wenn Sie Szenen von Handspielen gemeinsam mit Schiedsrichterkollegen anschauen, gibt es also unterschiedliche Meinungen?
Ja, es wird da keine abschließende Meinung geben, wir reagieren dabei sogar auf den Zeitgeist. In meiner Karriere ist bestimmt fünf Mal die Auslegung verändert worden, was Handspiel ist. 

Wie kann denn der Zeitgeist die Regelauslegung beeinflussen?
Dazu haben die Superzeitlupen im Fernsehen beigetragen, übrigens auch beim Foulspiel. Weil uns auf diese Weise immer mehr Kontakte im Strafraum herausgefiltert und unter die Nase gerieben wurden, gibt es mehr Elfmeter als vor zehn oder zwanzig Jahren. Es werden also kleinere Vergehen gepfiffen, weshalb die Spieler wiederum ihr Verhalten verändern.

Wie sehen Sie im Nachhinein den Handelfmeter, den Sie kürzlich in der Bundesliga für Gladbach gegen Düsseldorf gepfiffen haben, über den so viel debattiert wurde?
Er war nicht falsch, sondern eine 50:50-Entscheidung, da kann man fast die Münze werfen. Die eine Partei fordert vehement Elfmeter, die andere sagt wütend, dass sie ja die Hände irgendwo hintun müssen. Das ist eine Höllenentscheidung, denn eine Seite verärgern wir immer. Aber einer muss die Entscheidung fällen, und so unbefriedigend das in dieser Situation sein mag, liegt genau darin auch der Reiz, Schiedsrichter zu sein.

Spaß macht das in diesen Momenten aber nicht, oder?
Nein, es darf schon einfacher sein. Aber nach einem Spiel ohne Probleme ist das Glücksgefühl überwältigend. Wenn vor einem besonders wichtigen Spiel der Druck riesig war und dann alles klappt, ist das unser großer Sieg. Das löst echte Euphorie aus, und wenn ich mal aufgehört habe, werde ich sie bestimmt sehr vermissen.