Interview mit Schiedsrichter Felix Brych

»Nach guten Spielen sind wir Luft, nach schlechten ist die Kabine voll«

Wie oft hören Sie den berühmten Kölner Keller denn?
Nach Toren warte ich immer auf die positive Bestätigung: Tor regulär, Tor war korrekt. Genauso beim Elfmeter oder einer Roten Karte. Manchmal bitte ich die Kollegen darum, etwas zu checken, wenn ich das Gefühl habe, ich könnte etwas übersehen haben. Aber das ist es schon.

Gibt es durch den Videobeweis bald keine Fehler mehr?
Nein, natürlich nicht. Man kann ja trotzdem die Kontrolle über ein Spiel verlieren, oder bei einer Gelb-Roten Karte falsch gelegen haben. Ich ärgere mich auch, wenn es mir nicht gelingt, mit einem Spieler im richtigen Moment auf die richtige Weise zu sprechen. Oder ich habe völlig falsch gestanden und hatte Glück, dass ich dadurch nichts Entscheidendes verpasst habe. 

Gibt es denn Fehler, die Sie bis heute verfolgen?
Nein, selbst das „Phantomtor“ in Hoffenheim nicht, als Stefan Kießling für Leverkusen durch eine offene Stelle im Tornetz getroffen hat. Wir als Schiedsrichterteam haben danach viele Details verändert, nicht nur bei der Kontrolle der Maschen. Und ich selber habe damals meine Ernährung und mein Training umgestellt. Anschließend haben wir wirklich gute Jahre gehabt, insofern war das Tor im Nachhinein gar nicht so schlimm.

Bleibt es trotzdem die große Tragödie der Schiedsrichter, dass sie vor allem für ihre großen Fehler in Erinnerung bleiben?
Absolut, wir werden über Fehler definiert. Es muss daher das Ziel einer Karriere sein, möglichst wenige Fehler zu machen. Aber letztlich sind wir sowieso nur interessant, wenn wir was falsch machen. Nach guten Spielen sind wir Luft, nach schlechten ist die Kabine voll. 

Es kommen Leute in Ihre Kabine?
Trainer, Co-Trainer, der Manager, manchmal sogar der Präsident. Das verstehe ich auch, weil sie manchmal ein Ventil brauchen, und das sind dann wir Schiedsrichter. Daran habe ich mich gewöhnt.

Jetzt sind Sie aber sehr nachsichtig?
Aber noch mal: Mir ist diese Art von Beschwerde lieber als ein öffentliches Nachkarten, so kann ich wenigstens darauf reagieren. Aber natürlich würde ich mich freuen, wenn mal einer käme und sagt: »Heute war es super!« Nur passiert das leider sehr selten.

Bei der Weltmeisterschaft haben Sie für Serbien gegen die Schweiz in einer strittigen Szene keinen Elfmeter gepfiffen, sondern auf Stürmerfoul entschieden. Anschließend hat Serbiens Nationaltrainer Mladen Krstajic gesagt: »Ich würde ihn nach Den Haag schicken. Damit sie ihm den Prozess machen, wie sie ihn uns gemacht haben.« Wie gehen Sie damit um, mit einem Kriegsverbrecher verglichen zu werden?
Über die gesamte WM will ich nichts mehr sagen. Es gehört zu einer Laufbahn dazu, dass mal etwas nicht funktioniert.

Dennoch: Wie können Sie sich dagegen wehren, wenn Ihnen jemand letztlich die Schuld für eine Niederlage in die Schuhe schiebt?
Das ist im Grunde unser größtes Problem! Das letzte Wort haben meistens die anderen und anscheinend gilt dabei: Je lauter, desto richtiger. Am Anfang meiner Karriere hat mal ein Manager nach einem Spiel gesagt, ich solle mir ein Schild umhängen, auf dem steht: »Ich schäme mich!« Montags im Büro war das in jedem Meeting ein Riesengag, aber für mich als jungen Schiedsrichter war das dramatisch. Heute wäre mir so was egal, aber solche Aussagen sorgen dafür, dass Kollegen die Belastung des Wochenendes mit ins Privatleben nehmen. Und dann sind wir wieder bei dem Thema, über das wir eingangs gesprochen haben.