Interview mit Schiedsrichter Felix Brych

»Der Video-Assist wird in Zukunft das Maß der Dinge sein«

Man sieht Sie fast nie schreien, manchmal wirken Sie fast unterkühlt.
Mein Stil ist es schon, auf dem Platz eher dominant zu sein und dabei leicht distanziert oder unnahbar zu wirken. Aber zu den Spielern habe ich trotzdem einen guten Draht. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht zu große Nähe zulasse.

Warum?
Es gibt Spieler, von denen ich über die Jahre zwanzig oder dreißig Spiele gepfiffen habe. Man trifft dann gefühlt auf alte Bekannte. Oder man ist Spielern am Flughafen oder im Urlaub über den Weg gelaufen und hat sich nett unterhalten. Aber wenn ich auch auf dem Platz Nähe zulasse, werde ich weich, und ich muss hart, klar und gerecht entscheiden. 

Lassen Sie sich duzen?
Das habe ich schon getan, als das noch nicht so verbreitet war. Die Spieler dürfen mich auch duzen, solange das respektvoll abläuft. Mittlerweile ist das Du in der Bundesliga sowieso üblich. 

Wie reagieren Sie, wenn jemand im Vorbeilaufen sagt: »Was hast’n da für einen Scheiß gepfiffen«?
Da hört man vielleicht mal weg. Unter Schiedsrichtern gilt: Alles sehen, nicht alles hören!

Welche Spieler sind im Umgang am schwierigsten?
Über aktive Spieler kann ich nicht sprechen. Aber früher habe ich unglaublich gerne Sergej Barbarez und Ioannis Amanatidis gepfiffen, da musste ich richtig arbeiten.

Wie meinen Sie das?
Man muss vor allem viel reden. Es gibt in jeder Generation solche Spieler, die öfter mal Kontakt zum Schiri suchen, die einen austesten und mit denen man auch mal einen Strauß ausfechten muss. Aber bei diesem Typus gibt man sich nach Abpfiff die Hand und die Sache ist erledigt, und das entspricht meinem Verständnis von Fairplay. Im Gegensatz zu den Akteuren, die während des Spiels nichts sagen und sich dann hinterher vor laufender Kamera beschweren. Das gefällt mir überhaupt nicht. 

Kontrollieren Sie in der Halbzeitpause, ob Sie bei strittigen Entscheidungen richtig gelegen haben?
Wenn eine Mannschaft auf dem Weg in die Kabine Stimmung macht, ist es schon gut zu wissen, was Sache ist. Mittlerweile hängen sowieso überall Fernseher in der Kabine, oder ich schaue auf dem Smartphone nach Rückmeldungen von Freunden.

Und wie gehen Sie in die zweite Halbzeit, wenn Sie in der ersten danebengelegen haben? Ich fälle keine Konzessionsentscheidungen, mittlerweile kann ich mit dieser Belastung gut umgehen.

Finden Sie den Videobeweis hilfreich?
Sehr sogar, gerade wenn es bei Abseitsentscheidungen um Fußlängen geht oder wir bei kniffligen Szenen im Strafraum die Chance bekommen, da noch einmal draufzuschauen. Ich weiß, dass viele Fans ihn nicht so mögen, aber der Video-Assist wird in Zukunft das Maß der Dinge sein. 

In der Gegenwart ist aber noch Luft nach oben.
Nach dem ersten Bundesligaspieltag dachte ich auch: Oh Gott, da haben wir aber noch einiges vor uns! Die anschließenden Spieltage sind dann zum Glück gut gelaufen. Wir Schiedsrichter sind halt besonders gut, wenn der Druck auf uns am größten ist.

In den Ligen, wo es den Videobeweis gibt, wird weniger Abseits gepfiffen. Wie hat sich die Entscheidungsfindung ansonsten verändert?
Die Assistenten sind angewiesen, bei kniffligen Abseitsentscheidungen nicht zu winken, damit man im Nachhinein noch korrigieren kann. Aber für Schiedsrichter hat sich im Prinzip nichts geändert. Man darf allerdings nicht den Fehler machen, keine Entscheidung zu treffen und auf den Video-Assistenten zu warten.