Fritz Kalkbrenner über seine angeschlagene Liebe

»Fußball war mal sexy«

»Ganz schön düster«, fand der Berliner Musikproduzent Fritz Kalkbrenner, als er sein Interview gegenlas. Schade eigentlich, wo es doch um Fußball geht. Aber daran ist ja nicht Kalkbrenner Schuld. Sondern der Fußball.

David Rasche

Sein Vater Jörn machte ihn zum Fußball-Fan, sein Bruder Paul vergießt Herzblut für den FC Bayern. Und Fritz Kalkbrenner? Hat ebenfalls vor langer Zeit mal sein Herz an den Fußball verloren, auch wenn seine Energie seit einigen Jahren vorrangig für Musik drauf geht. Sein neues Album »Grand Départ« ist gerade erschienen. Zum Interview bittet der »Berliner Elektro-Künstler« (dpa) in sein Studio, während des Gesprächs wird er umrahmt von einem gigantischen Mischpult. Wie viel ist von seiner Leidenschaft für Fußball noch übrig geblieben?

Fritz Kalkbrenner, was ist sexier: Fußball oder Musik?
Eindeutig Musik. Fußball war mal sexy, ist es jetzt aber nicht mehr so. Schade eigentlich.

Wann war das so?
Puh, bei der WM 1986 auf jeden Fall. Das mag an meiner Wahrnehmung liegen, ich war fünf Jahre alt und Fußball das große Ding. Später hielt ich mal die Daumen für den BFC, aber das kannst du ja heute auch nicht mehr machen. Bayern-Fan wurde ich durch meinen Vater. Letztlich hat meine Leidenschaft für das Spiel aber doch arg gelitten.

Woran liegt das?
Der Fifa-Skandal war unter anderem so ein Aha-Erlebnis. Aha, alles so widerlich, wie man sich das immer vorgestellt hat. Dann die Stadien. Die mögen ja hübsch aussehen und sind so gebaut, das man nicht mehr nass wird, wenn es regnet, aber ist man nicht auch deshalb früher zum Fußball gegangen und hat das gefeiert, weil es eben immer ein wenig asi und ungemütlich war? Darin lag doch der Reiz. Da hat eine Breitensäuberung stattgefunden, heute sind die Stadien voll von freundlichen Picknick-Zuschauern. Der Fußball der Gegenwart ist domestiziert. Das finde ich ein bisschen langweilig.

Freut sich der Bayern-Fan nicht darüber, dass die Heimspiele in der schicken Allianz-Arena stattfinden, und nicht mehr im zugigen Olympiastadion?
Im Olympiastadion war es vielleicht zugig, dank der Laufbahn war man ewig weit weg – aber das hatte ein Wiedererkennungsmerkmal. Und das ist für mich sexy. In der Allianz-Arena sieht alles so gleich und so durchgeplant aus. Es gibt bestimmt viele Menschen, die das mögen. Aber etwas Besonderes ist das doch nicht mehr.

Das klingt pessimistisch. Warum sind die Stadien dann noch so voll?
Tja, noch. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Begeisterung in den kommenden Jahren nachlässt. Weil immer mehr Fans keine Lust auf so chemisch gereinigten Fußball haben. Noch hält die Hoffnung viele Zuschauer bei der Stange. Hoffnung darauf, dass der Sport noch immer so ist, wie er mal war, bzw. wie man ihn sich als Fan wünscht. Einfach und erdig und von mir aus auch zugig. Fußball eben.