Ex-Nationalspieler und Beinahe-Präsident Thorgrimur Thrainsson über den Erfolg Islands

»Unser Geheimnis? Gutes Karma!«

Fußballidol, Kinderbuchautor, fast Präsident von Island und heute Mädchen für alles im isländischen Betreuerstab: Multitalent Thorgrimur Thrainsson erklärt das isländische EM-Märchen.

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Thorgrimur Thrainsson, darf ich Ihnen ein Video am Telefon vorspielen?
Sicher.



Unser Lied! Ég er kominn heim (Ich komme nach Hause). Ich habe das gefilmt. Ein wunderschöner Moment, ich hatte Tränen in den Augen. Wobei ich mir gar nicht sicher war, ob so eine Aufnahme überhaupt erlaubt ist.

Und?
Ist es. Zum Glück. Ich habe es auf meiner Facebook-Seite hochgeladen, es hat sich wahnsinnig schnell verbreitet und dann setzte mir einer meiner Kollegen den Floh ins Ohr, dass solche Aufnahmen im Innenraum nicht von der Uefa zugelassen seien. Was mich wiederum dazu verleitet hat, das Video von meiner Facebook-Seite zu nehmen (lacht). Aber jetzt ist ja alles gut.


(Thorgrimur Thrainsson)

Alles gut – Danke für den Übergang. Denn wenn ich anderen Medien wie dem »Guardian« Glauben schenken darf, dann spreche ich gerade mit dem Mentalcoach der isländischen Nationalmannschaft.
Das ist nicht ganz richtig. Ich bin zwar Teil des Stabs, habe aber keine fest zugewiesene Aufgabe.

Und was machen Sie dann?
Vor zehn Jahren habe ich angefangen, im isländischen Verband mitzuarbeiten, war einer von zwei Mitarbeitern, die mit dem Team durch die Welt reisten. Und seitdem mache ich so ziemlich alles. Mal sammle ich die Bälle ein, mal unterhalte ich mich mit jungen Spielern, sie sprachen von dem Video - auch das ist meine Aufgabe, ich filme und mache Fotos, nach dem Turnier bekommt jeder Spieler dann ein Erinnerungsvideo. Ich bin einfach da, wo man mich braucht.

In Deutschland sagt man: Mädchen für alles.
Korrekt! Und übrigens: den Mentalcoach mache ich dann auch mal, wenn es ein Spieler braucht. Bei diesem Turnier gehöre ich erstmals zu offiziellen Delegation, was bedeutet, dass ich erstmals für diesen Job Geld bekomme (lacht).

Bevor wir weiter über die Nationalmannschaft sprechen: Wie verdienen Sie denn sonst Ihr Geld?
Puh, jetzt haben Sie einen viel beschäftigten Isländer gefragt. Und hier bei uns macht eigentlich jeder mindestens drei Jobs. Das ist unsere Mentalität – und vielleicht auch unser Schlüssel zum Erfolg. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Von 1979 bis 1990 war ich Spieler für Valur Reykjavik (Valur wurde in dieser Zeit dreimal Meister, 1988 gelang in der 1.Runde im Europapokal der Landesmeister ein sensationelles 1:0 gegen den AS Monaco, Valur schied durch das 0:2 im Hinspiel trotzdem aus, d. Red.) und machte 17 Länderspiele. Mit 30 fing ich dann an, Kinderbücher zu schreiben, bis heute sind 31 davon erschienen – leider ist noch keins davon in eine andere Sprache übersetzt worden. Falls also ein deutscher Verlag interessiert sein sollte, melden sie sich (lacht).

Fußballer, Kinderbuchautor – was noch?
Mit 40 habe ich angefangen, als Redner und Motivationscoach zu arbeiten. Heute besuche ich die Schulen Islands, werde aber auch von Firmen gebucht. Letztes Jahr waren es 55 Auftritte. »Be in love with your life!« (Liebe dein Leben) heißt mein Motto. Zwischendurch habe ich viele Jahre für die Gesundheitsbehörde gearbeitet, vorrangig im Kampf gegen das Rauchen. 2013, das muss ich Ihnen erzählen, weil ich sehr stolz darauf bin, wurde ich zum »Künstler des Jahres« der Stadt Reykjavik ernannt. Viele meiner Bücher biete ich zum freien Download an, das war sicherlich ausschlaggebend. Tja, dann natürlich die Arbeit für den Verband. Und im vergangenen Jahr wurde ich gefragt, ob ich nicht für das Amt des Präsidenten von Island kandidieren wollen würde.

Ihre Antwort?
Das wollte ich sogar sehr gerne! Ich glaube, ich wäre ein sehr Präsident geworden. In Island ist das kein politisches, sondern ein repräsentativer Posten. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich lebe ein sehr gesundes Leben und liebe es, das auch meinen Mitmenschen schmackhaft zu machen.

Sie »wären« es gerne geworden?
Am 25. Juni war die Wahl. Aber kurz vor dem Turnierstart habe ich meine Kandidatur zurückgezogen.

Warum?
Weil ich lieber helfen wollte, dass Island ein tolles Turnier spielt, statt Präsident zu werden. Das war mir einfach wichtiger.

Immerhin: Das ist Ihnen gelungen.
Mir alleine ganz bestimmt nicht. Wir stehen im Viertelfinale, weil zwar nicht die besten Einzelspieler haben, aber das beste Team. Beziehungsweise: ein sehr gutes Team. Und damit meine ich alle, vom Torwart bis zur Reinungskraft. Bei uns herrscht eine so fantastische positive Stimmung – daran einen kleinen Anteil zu haben ist großartig.