Amin Younes über hysterische Fans in Neapel und Telefonate mit Lucien Favre

»Ich wollte der Beste sein«


Bild: imago images

Von außen wirkt das San Paolo wie ein Stadion aus einer anderen Zeit. Wie sieht es von innen aus?

Ähnlich. In Italien ist nicht alles so hypermodern wie in Deutschland, da fällt in manchen Stadien auch mal das warme Wasser aus. Aber ich finde das geil, es sorgt für Bolzplatz-Feeling. Wenn man wie ich in einem solchen Umfeld groß geworden ist, stört einen das nicht. Damals gab’s auch keinen Glamour.



Obwohl Sie schon als 7-Jähriger bei Borussia Mönchengladbach gelandet sind, nennen Sie sich selber einen Straßenfußballer. Warum?

Weil ich zusätzlich zum Training auch immer mit meinen Freunden in Düsseldorf unterwegs war, auf den Bolzplätzen bei uns im Viertel, und ich diese Form des Fußballs geliebt habe. Mich mit anderen direkt zu messen, eine Methode zu finden, an allen vorbei zu dribbeln, besondere Dinge auf dem Platz zu machen. Mir hat es nie gereicht, einfach nur mitzuspielen. Ich wollte der Beste sein. Mich in der Art, Fußball zu spielen, von den anderen Kindern unterscheiden. Und das lernt man eher auf einem Bolzplatz als im Training. 



Sind sie oft auf Kinder getroffen, die technisch besser waren als Sie?

Das passiert mir heute noch! In Amsterdam bin ich zum Beispiel manchmal aus Jux auf einen Bolzplatz bei mir um die Ecke gegangen, um ein bisschen zu zocken. Dort bin ich auf Kids gestoßen, die es richtig drauf hatten. Ich weiß natürlich, dass noch mehr dazu gehört, ein guter Fußballer zu sein, als nur im Käfig mit Tricks zu glänzen. Aber für mich ist der Käfig die Basis. Dort lernen Kinder Fußball. Und genau deswegen sind die Holländer uns - was das Technische angeht - auch immer einen Schritt voraus gewesen. Dort gibt es die Käfig-Kultur. In Holland gehst du auf einen Gummiplatz und siehst 7-Jährige, die den Ball mit der Sohle hinter sich her ziehen. Diese Kids findest du in Deutschland kaum noch.



Was ist von der holländischen Käfig-Kultur zu spüren, wenn man für einen Klub wie Ajax spielt?

Wenn du für diesen Klub auf dem Platz stehst, kannst du dich in einen Flow spielen. Das empfand ich immer als sehr speziell. Was ich an Ajax außerdem spannend fand und was mich an die Bolzplatz-Mentalität erinnert: Egal wo wir hinkamen, egal wie der Gegner hieß, egal, was auf dem Spiel stand, wir hatten den Anspruch, unseren eigenen Stil durchzusetzen. Von hinten raus flach nach vorne zu spielen, frech zu sein, keine Angst zu haben. Dafür lieben die Menschen diesen Verein. Aber genau deswegen hat mich speziell das Spiel gegen Tottenham auch sehr geärgert.



Ajax verspielte in der Nachspielzeit das Champions-League-Finale.

Für mich als Ex-Spieler war das total frustrierend zu beobachten. Denn es hat mich an unser Europa-League-Finale 2017 gegen Manchester United erinnert. Wir sind nicht nach Stockholm gefahren und haben gesagt: Manchester United? Na mal gucken, was die zu bieten haben, wir warten erst mal ab und stehen sicher. Nein, wir haben gesagt: Wir sind Ajax, wir spielen nach vorne. Und das wurde uns – genau wie dem aktuellen Team gegen Tottenham – zum Verhängnis. Ich hätte mir gewünscht, dass sie zumindest im Rückspiel gegen Tottenham mit einer 2:0-Führung im Rücken etwas abgeklärter gespielt hätten. Aber damit leben die Fans in Amsterdam. Sie sehen ihre Mannschaft lieber schön scheitern als hässlich gewinnen. Bloß: Als Spieler macht auch schön verlieren keinen Spaß.

Bei Ajax ging es für Sie nach ihrem Wechsel von Gladbach steil bergauf: Sie wurden Stammspieler, spielten eine großartige Europa-League-Saison, durften erstmals für die deutsche A-Nationalmannschaft auflaufen und gewannen schließlich den Confed Cup. Ein paar Tage nach dem Finale brach ihr Ajax-Mitspieler Abdelhak Nouri bei einem Trainingsspiel gegen Bremen zusammen.

Ich war im Urlaub im Libanon und der einzige Ajax-Spieler, der nicht dabei war, als es passierte. Unser Co-Trainer Dennis Bergkamp rief mich an. Ich habe den Vorfall am Telefon zunächst nicht richtig einordnen können. Klar, Bergkamp klang ernst, und klar, Abdelhak war umgekippt. Aber wie schlimm es war, wusste zu dem Zeitpunkt noch keiner. In der Nacht habe ich dann lange nachgedacht und irgendwie gespürt, dass ich bei der Mannschaft sein sollte. Am nächsten Tag bin ich nach Amsterdam geflogen, zum Trainingsgelände gefahren und in der Kabine auf die anderen Jungs getroffen. Die Stimmung war furchtbar, die Trauer war greifbar, spätestens da war mir bewusst, wie übel alles sein musste.



Nach seinem Zusammenbruch lag Nouri über ein Jahr im künstlichen Koma. Wie war ihr Verhältnis zu ihm?

Sehr, sehr gut. Wir haben zusammen die muslimischen Feste gefeiert, gemeinsam gefastet, gemeinsam gebetet. Das verbindet. Er war auch oft bei mir zu Hause, ich hatte ihn ins Herz geschlossen. Er war lustig drauf, höflich, respektvoll. Außerdem spielte er die Art Fußball, die ich so geil finde. Er war ein Straßenkicker. Umso schwerer war es danach für die Mannschaft. Bei uns waren ja Spieler dabei, die ihr halbes Leben mit Abdelhak verbracht hatten, Donny van de Beek zum Beispiel, auch Frenkie de Jong. Die waren damals noch sehr jung – die konnten nicht einfach weitermachen, als wäre nichts passiert. 



Nach zwei schwierigen Jahren zeigte Ihre Formkurve in den vergangenen Monaten wieder steil nach oben. Hat Jogi Löw Sie noch auf dem Schirm?

Ich habe vor wenigen Wochen mit ihm telefoniert. Wir hatten ausgemacht, dass ich mich mal bei ihm melde und dann habe ich ihn, als es endlich wieder sportliche Dinge zu bereden gab, mal angerufen. Er weiß, dass ich wieder auf dem Platz stehe und langsam Fahrt aufnehme.


Bild: Daniel Gebhard de Koekkoek