Amin Younes über hysterische Fans in Neapel und Telefonate mit Lucien Favre

»Plötzlich stand in der Zeitung, dass mich die Mafia angesprochen hätte

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Für Außenstehende wurde es unübersichtlich: Sie ließen sich erst mit Neapel-Schal vor der Geschäftsstelle fotografieren, der Transfer galt als fix. Dann machten Sie eine Rolle rückwärts, offiziell aus »persönlichen Gründen«. In den Medien hieß es, sie seien von einem Mafiosi eingeschüchtert worden.

Sie werden verstehen, dass ich nicht ins Detail gehen kann. Im Endeffekt war es schlicht ein Kommunikationsproblem zwischen dem Verein und mir, wobei es nur um kleinere Vertragsdetails ging. Das ist aber längst Vergangenheit, jetzt ist alles gut. 



Und die Geschichte mit der Mafia?

Die hat mich total geärgert. Weil sie frei erfunden war. Soweit ich weiß, hat sie ein niederländischer Journalist in die Welt gesetzt. Der rief mich zu der Zeit dauernd an, weil er wissen wollte, was zwischen Neapel und mir passiert war. Aber ich habe ihm nichts erzählt. Und plötzlich stand in der Zeitung, dass mich die Mafia angesprochen hätte und ich die Stadt nun nicht mehr mögen würde. Wegen dieser Lüge musste ich später sogar zur neapolitanischen Kriminalpolizei gehen und mich befragen lassen. Die wollten wissen, was an der Geschichte dran sei. Und zeigten mir dann die niederländischen Zeitungsartikel. Total skurril. 



Neapel behauptete nach dem geplatzten Wintertransfer, Sie hätten längst einen Vertrag unterschrieben und würden spätestens im Sommer wechseln. Gleichzeitig hieß es, Sie hätten parallel dazu einen zweiten Vertrag unterschrieben, beim VfL Wolfsburg.

Hätte ich je einen Vertrag beim VfL Wolfsburg unterschrieben, wäre ich auch in Wolfsburg gelandet. Fakt ist: Wolfsburg war im Winter 2018 an mir interessiert, am Ende kam es aber nicht zustande.


Bild: Daniel Gebhard de Koekkoek


Ihr früherer Berater Sedat Duraki trat später, als sie längst für Neapel spielten, noch mal via »Bild« nach. Er nannte Sie unter anderem »falsch« und »gesichtslos«.

Ich hatte zuvor in einem anderen Interview eigentlich klar gemacht, dass ich das Chaos und die Verwirrung um meine Person auf meine eigene Kappe nehme, dass ich für mich selber verantwortlich bin. Trotzdem fühlte er sich angegriffen.



Sie sagten: »Ich habe Fehler gemacht, den falschen Leuten vertraut und war naiv.«

Ich habe Sedat nie namentlich erwähnt. Das Ding bei mir ist einfach: Ich passe vom Charakter her gar nicht unbedingt in diese Fußballwelt rein. Ich habe keine überdimensionalen Ansprüche, sondern möchte einfach in Ruhe Fußball spielen und ansonsten ein bescheidenes Leben führen. Umso glücklicher bin ich, dass wir uns im vergangenen Sommer mit meinem neuen Berater Sahr Senesie noch mal mit Neapel zusammengesetzt haben, um die Missverständnisse auszuräumen. 



Neapel gilt als heißes Pflaster. Wie sichtbar sind die Probleme mit der organisierten Kriminalität?

Ich habe davon bisher nichts mitbekommen. Und die Stadt macht auf mich auch einen friedlichen Eindruck. Klar, es gibt Viertel, in denen es rau zugeht, und da fahre ich nicht extra hin. Aber andere Städte haben ebenfalls Brennpunkte.

Es heißt, alles hier sei etwas extremer. Haben Sie sich mal Bilder von der Meisterfeier 1987 angeschaut, als Neapel zum ersten Mal überhaupt den Scudetto gewonnen hatte?

Ja. Die hängen auch bei Tomaso in der Kabine. Die komplette Altstadt war vollgestopft mit Menschen, alle waren außer Rand und Band. Aber ich bin mir sicher: Das wäre heutzutage genauso. Wenn wir die Meisterschaft gewinnen sollten, reißen die Fans hier alles ab. 



Glauben Sie daran?

Ich denke dauernd daran, es ist ein großer Traum von mir. Und ich versuche alles dafür zu tun. Aber warum sollte es uns nicht gelingen? Wir sind in der vergangenen Saison Zweiter geworden, wir müssen also nur einen Platz weiter hoch klettern. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich innerhalb von zwei Jahren von einem Ergänzungsspieler bei Gladbach zum Confed-Cup-Sieger werde. Warum soll ich also nicht auch italienischer Meister werden?



Wie klingt das Stadio San Paolo eigentlich, wenn man trifft?

Unglaublich. »Decibel«, unser Stadionsprecher, legt sich nach Toren wahnsinnig ins Zeug, dafür ist der Klub auf der ganzen Welt berühmt. Der Tag, an dem ich nach meiner langen Verletzungspause endlich das erste Mal von Anfang an spielen durfte und dann auch noch nach zehn Minuten gegen Udinese traf, war einer der schönsten meines Lebens. Ich hatte mir zu Saisonbeginn ja die Achillessehne gerissen und mich nicht in irgendeinem Dorfklub zurückgekämpft, sondern bei einem echten Topverein.