Amin Younes über hysterische Fans in Neapel und Telefonate mit Lucien Favre

»Dank Maradona mögen die Leute hier Dribbler wie mich«


Bild: Daniel Gebhard de Koekkoek

Ihre Mutter kommt anders als Ihr Vater aus Deutschland. Fühlten Sie sich in Bezug auf Fußball trotzdem eher zum Libanon hingezogen? Beziehungsweise: Waren Sie großer Roda-Antar-Fan?


Lustig, dass Sie Roda ansprechen. Der Mann ist ja ein Rockstar im Libanon, den kennt dort jeder. Dementsprechend war ich tatsächlich ein großer Fan als Kind. Es gibt sogar ein gemeinsames Foto von uns. Damals, ich war noch Jugendspieler bei Gladbach, ließ Christian Hochstätter meinen Vater und mich netterweise in den Katakomben warten, wo Roda Antar mit dem SC-Freiburg-Bus ankam. Also haben wir ein Bild mit ihm gemacht. 



Fiel Ihnen die Entscheidung für die deutsche Nationalmannschaft schwer?

Nein. Mein Vater wäre zwar stolz auf mich gewesen, hätte ich’s für den Libanon gemacht. Aber ich habe dort nie gelebt. Für mich war immer klar, dass ich Deutscher bin. Ich habe die Jugendnationalmannschaften komplett durchlaufen, ich spreche die Sprache, ich esse den deutschen Kuchen, den meine Mutter backt. Wissen Sie: Ich kenne Roda mittlerweile persönlich sehr gut, wir treffen uns im Libanon, gehen essen. Dass ich heute – bei allem Respekt – sogar noch etwas höher spielen kann als er damals, das habe ich auch Deutschland zu verdanken. 



Etwas höher? Sie spielen beim SSC Neapel! Haben Sie sich vor dem Transfer mit der Geschichte des Klubs auseinander gesetzt?

Ja. Ich finde es wichtig, Dinge über den Klub zu wissen, für den ich spiele. Und speziell in Neapel habe ich auch das Gefühl, dass ich es den Leuten gewissermaßen schuldig bin. Für die Fans in der Stadt ist der Klub ihr Leben. Ich habe also zum Beispiel geschaut: Wer hat hier, außer Maradona, eigentlich so gespielt?



Wobei es den Leuten hier doch nach wie vor in erster Linie um Maradona geht.

Hier ist es so: Es gibt den Papst - und Maradona. Man kann an jeder Ecke Maradona-Shirts kaufen oder Maradona-Figuren oder Bilder. Ganze Wohnblöcke sind mit seinem Gesicht bemalt. Tomaso, unser Zeugwart, hat in seiner Kabine zig Fotos aus der Maradona-Ära hängen. Aber auch abseits vom Personenkult ist Maradona allgegenwärtig. Dank ihm spielt Neapel, vollkommen untypisch für Italien, seit Jahrzehnten Offensivfußball. Dank ihm mögen die Leute hier Dribbler wie mich. 



Als wir vorhin Fotos von Ihnen am Strand machen wollten, stürmte eine Gruppe Jugendlicher auf Sie zu. Einer der Jungs küsste Sie zur Begrüßung gleich mal auf die Wange.

Man muss checken, welchen Stellenwert der Verein in dieser Stadt hat. Wenn wir verlieren, ist die Woche für die Neapolitaner gelaufen. Dass die Leute keine Berührungsängste haben, kann und muss ich vor diesem Hintergrund akzeptieren. Dieser Junge kam kurz danach ja sogar noch mal zu mir.

Weil er noch ein Selfie wollte, oder?

Nein. Er hatte seine Freundin via FaceTime angerufen und wollte, dass ich auch mit ihr kurz rede. Wäre das in Deutschland passiert, hätte ich wahrscheinlich gesagt: »Was ist denn bei dir los, Junge?« Aber hier ist das normal.

Ganz so normal ist es in Ihrem Fall nicht. Immerhin gab es rund um Ihren Transfer von Ajax nach Neapel im vergangenen Sommer enorm großes Theater.

Ich wollte eigentlich schon in der Winterpause 2018 unbedingt zu Napoli wechseln. Aber dann sind Dinge passiert, die ich damals nicht in Ordnung fand.