adidas-Chefdesigner Jürgen Rank über das neue EM-Trikot

»Eine moderne Interpretation!«

Jürgen Rank ist Chefdesigner bei adidas und verantwortlich für das neue Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Im Interview erklärt er, wie die Idee zu den Pinselstrichen entstand und welche Rolle die deutsche Flagge spielte. 

Adidas

Jürgen Rank, Sie sind Chefdesigner bei adidas und verantwortlich für das neue Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Ist Fußball Kunst? 
Es gibt auf jeden Fall Ähnlichkeiten. Mit Kunst verbinde ich vor allem Kreativität, Selbstbewusstsein, Inspiration. Und das finde ich auch auf dem Platz wieder. Fußball kann unglaublich inspirierend sein.  Das klingt sehr theoretisch.  Jeder Künstler geht anders an seine Arbeit heran. Und in einer Mannschaft finde ich eben auch Spielertypen, die eher mit der Blutgrätsche arbeiten, und solche, die den feinen Pass spielen. Und so wie es in der Kunst verschiedene Epochen gibt, wurden im Fußball Stile geprägt. Der Catenaccio ist vielleicht die einfachere Kunstform, Voetbal totaal ist abstrakter. Und Diversität ist in der Kunst unglaublich wichtig. Deshalb haben wir uns die EM wie eine große Kunstausstellung vorgestellt. Und das wollten wir unbedingt auf die Trikots bringen. 

Welche Art von Kunst lieben Sie?
Ich finde Banksy überragend. Street Art, mit Humor und an ungewöhnlichen Orten, da kommen alle meine Vorlieben zusammen. Und deshalb finde ich es auch unheimlich gut, was Ultras in den Kurven zaubern. Vor allem, weil deren Ehrenkodex besagt, dass überwiegend mit der Hand gemalt werden muss, nichts soll gedruckt sein. Was die Jungs und Mädels raushauen, ist manchmal schöner als jedes Spiel.

Zurück zum Trikot. Wie entstand die Idee, die Kunst in den Vordergrund zu rücken?
Wir wollten ganz frei an das Design herangehen, und das war neu. In den letzten zwanzig Jahren wurden die Trikots von Beginn an am Computer entworfen. Davor wurde es noch per Hand gezeichnet. Darauf haben wir uns zurückbesinnt. Zur Inspiration haben wir einige internationale Ausstellungen besichtigt und dann ganz unterschiedliche Designer beauftragt mit der Leitlinie: »Haut einfach mal raus!« 

Wie sind die Künstler mit dieser Vorgabe umgegangen?
Die Künstler sind mit ihren Leinwänden losgezogen und haben ganz unterschiedliche Techniken angewendet, auch ganz unterschiedliche Materialien, Sprühdosen, Pinsel, Fingerfarben benutzt. Es war Handwerk im ursprünglichen Sinne. Und die Designer sind aufgeblüht.

Wie kam die Kunst dann auf das Trikot?
Wenn sich alle Teams qualifizieren, stellen wir bei der EM die Trikots für neun Nationen her: Russland, Schweden, Ungarn, Deutschland, Spanien, Wales, Nordirland, Belgien, Schottland. Dafür haben wir die fertigen Werke der Künstler ausgestellt - und beim Rundgang überlegt, welche Grafiken zu welcher Nationen passen könnten. 

Haben Sie ein Beispiel? 
Den Spaniern ist die Flagge traditionell sehr wichtig. Deshalb wurde sie erst mit der Hand und dicker Farbe gezeichnet, dann wurde das Bild maximal vergrößert und nochmal nachgezeichnet. So wirkt es, als hätte das Trikot der Spanier große Fenster, aber eigentlich sind das nur riesige Pixel der eigenen Flagge. Ein toller, abstrakter Effekt.