Zum verfluchten Videobeweis

Warten auf Godot

Der Videobeweis ist dabei, den Fußball massiv zu verändern. Wollen wir das wirklich?

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Manuel Gräfe ist ein erstklassiger Schiedsrichter, doch auch er kann mal daneben liegen. Am letzten Sonntag verweigerte Gräfe beim Spiel zwischen Köln und Paderborn der vermeintlichen Kölner Führung die Anerkennung, dabei war am Fernseher recht klar zu erkennen, dass der Torschütze Simon Terodde bei seinem Abstaubertor nicht im Abseits stand. Zu diesem Schluss kam am Ende auch der sich einschaltende VAR, allerdings benötigte er für diese ziemlich simple Entscheidung geschlagene zweieinhalb Minuten. Ob da jemand zwischendurch seine Blase erleichtern musste?

Tatsächlich scheint dies in Zeiten des real existierenden Videobeweises das Schicksal der Zuschauer zu sein: Warten, warten, warten, so wie im berühmten Theaterstück von Samuel Beckett die Landstreicher Wladimir und Estragon auf den ominösen Godot.

Sechs Überprüfungen – in einer Halbzeit!

Dass der Auer Keeper Männel am Freitagabend in der im früheren Fußball unbekannten Minute 90.+10 einen Elfmeter abwehren musste, um seiner Mannschaft den 4:3-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg zu sichern, lag vor allem daran, dass es in der zweiten Hälfte nicht nur sieben Tore, sondern auch sagenhafte sechs (!) Überprüfungen durch den VAR gegeben hatte. Ein solches Spiel kann – so einzigartig es für die Augenzeugen gewesen sein mag – nicht mehr im Fluss sein, es ist nur mehr eine wilde Abfolge von sogenannten »Aufregern« (falls noch jemand einen zweiten Kandidaten für das Fußball-Unwort des Jahres neben der Mentalität benötigt).

Dabei hatte Schiedsrichter Daniel Schlager nicht mal besonders viel falsch gemacht, es war halt einfach ziemlich viel strittig in Aue. Das Spiel ist deshalb ein anschauliches Beispiel dafür, wie die schöne neue Fußballwelt in Zeiten des Videobeweises aussieht. Vom angeblichen Grundsatz, dass der VAR nur bei eindeutigen Fehlentscheidungen eingreifen soll, bleibt an solchen Tagen nicht mehr viel übrig.