Zu Gast bei den parteiischsten Sportzeitungen der Welt

Die Tastatur wird zur Schnellfeuerpistole

Tomas Roncero ist bei »As« das, was Cristiano Ronaldo bei Real Madrid ist: der, um den sich alles dreht. »Ich bin dankbar für die Aufmerksamkeit, die er uns bringt«, sagt seine Chefin Carmen Colino über ihn. Sie leitet die »Sección Real Madrid«. Auf ihrem Schreibtisch steht eine große Mangapuppe mit überdimensionalen, weit aufgerissenen Augen. Die Pappfigur trägt ein Real-Trikot. Unter den Madrider Journalisten ist Roncero vielleicht der bekannteste. Der extremste ist er in jedem Fall.

Wehe dem, der Real Böses will. Dann versteht Roncero keinen Spaß, und seine Tastatur wird zur Schnellfeuerpistole. Darauf eingestellt, den Gegner mit Worten unter Beschuss zu nehmen. Was er sagt, ist Gesetz. Roncero, der Sheriff des Madridismo. Seine Wutrede nach dem Spiel wurde innerhalb weniger Minuten zigtausend Mal geklickt. Sie hilft den Fans, Wunden zu heilen. Weil der Journalist bestätigt, was sie denken. »Haben wir doch gleich gesagt: Der Schiedsrichter war schuld!«

Arbeit nicht am Schreibtisch, sondern an einem Schrein

Roncero, 48, ist eine imposante Erscheinung. Knapp 1,90 Meter groß, schlanke Figur, fester Händedruck, zackiger Schritt. Am Tag des Clasicos trägt er ein weißes Hemd mit schwarzer Stoffhose. Dazu einen Schlips mit dem Vereinslogo von Real Madrid. Im Stadion hatte er noch seinen weißen Seiden­schal dabei. Als Glücksbringer. An den beiden Enden prangt das Konterfei von Cristiano Ronaldo. Später in der Redaktion legt er den Schal über seinen Computerbildschirm, auf dem sich bereits drei an­dere Schals von Real Madrid befinden. Roncero ist vielleicht der einzige Journalist der Welt, der nicht an einem Schreibtisch arbeitet, sondern an einem Schrein. Überall stehen Bilder von ihm. Meistens ist er darauf mit Spielern von Real Madrid zu sehen. Dazu stehen kleine Statuen an seinem Platz. Von di Stefano, vom Bernabeú. Heiligenverehrung.

Reals Stadion ist für ihn nach wie vor ein mystischer Ort. Als kleiner Junge nahm ihn sein Vater das erste Mal dorthin mit. Wie alt genau er da war, weiß er nicht mehr. Im Bernabeú erlebte er im Frühjahr 1995 auch den schönsten Moment seiner Reporterkarriere. Real siegte damals 5:0 gegen Barcelona. Roncero erinnert sich an ein besonderes Bild, es hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt: Pep Guardiola steht nach dem Schlusspfiff mit gesenktem Haupt im Mittelkreis, tief enttäuscht. Johan Cruyff diskutiert erregt mit dem Schiedsrichter. Es war das Ende des Dream Teams, Barças legendärer Mannschaft aus den Neunzigern. »Ein wunderbarer Abend«, sagt Roncero.

Diese Leidenschaft für Real Madrid, Roncero teilt sie mit vielen seiner Kollegen bei »As«. Dort denken sie wie er. Und nicht wie in Barcelona bei »Mundo Deportivo«. Roncero hat einmal für die gearbeitet, zu Beginn seiner Karriere, noch während des Studiums. Er sollte in den Sommermonaten für den Korrespondenten der Madrider Teams einspringen. »Aber die haben immer nur gefragt, ob es irgendwelche schlechten Nachrichten bei Real gibt. Das war nichts für mich«, sagt er. Später war er auch noch bei »Vanguardia« in Barcelona, ehe es ihn nach Madrid verschlug.

Über den Rivalen interessieren die negativen Nachrichten

So läuft das bis heute bei den vier großen Sportzeitungen. Wenn es um den Rivalen geht, interessieren vor allem negative Nachrichten. Über das eigene Team wird dagegen wohlwollend berichtet. Es sei denn, die Stimmung schlägt um. Bei Niederlagenserien oder Missständen etwa. Dann werden die Verantwortlichen scharf kritisiert. Trainer- oder Präsidentenschicksal in Madrid und Barcelona. Vor Jahren bildete »Marca« am Tag nach dem Champions-League-Aus gegen Olympique Lyon den Kopf des dama­ligen Trainers Manuel Pellegrini ab. Darüber prangte in dicken, roten Lettern: Fuera. Raus. Wenige Wochen später wurde Pellegrini entlassen. »Die Leute wollen in erster Linie­ Positives über ihren Verein lesen. Schließlich lieben sie ihn«, sagt Colino.

Joan Poqui sieht das genauso. Schlecht über Barça zu schreiben, für ihn wäre das nicht leicht. Schließlich ist Poqui, 48 Jahre alt und von kleiner, rundlicher Statur, ein richtiger Arsch. Culés, Ärsche, so werden die Fans des FC Barcelona seit den Zwanzigern genannt. Zu dieser Zeit waren die Tri­bünenbänke im Stadion Les Corts so schmal, dass die Hinterteile der Zu­schauer hinten überhingen und man den verlängerten Rücken sehen konnte.

Alle Stühle sind blau oder weinrot

Am Tag nach dem Clasico sitzt Poqui zufrieden an seinem Platz im Großraumbüro von »Mundo Deportivo«, der 1906 erstmalig erschienenen und nach »Gazzetta dello Sport« zweitältesten Sportzeitschrift Europas. Er lehnt sich zufrieden in seinem blauen Stuhl zurück. »War ein großer Abend gestern«, sagt er. Ein Kollege nebenan blickt rüber. Der sitzt in einem weinroten Stuhl.

Alle Stühle bei »Mundo Deportivo« haben entweder einen blauen oder weinroten Bezug. Blau und weinrot – die Farben des FC Barcelona. Über die Stimmen aus Madrid, Barcelona hätte mit Hilfe des Schiedsrichters gesiegt, kann er nur den Kopf schütteln. »Die einzige Fehlentscheidung des Spiels begünstigte Real. Das war der Elfmeter, den Ronaldo verwandelt hat. Dani Alves hat ihn deutlich vor dem Strafraum getroffen«, sagt Poqui.

Vor ihm liegt die Montagsausgabe von »Mundo Deportivo«. Auf dem Titel prangt in großen Lettern: »Delirium«. »Ich glaube, das beschreibt die Gefühlslage der Menschen in Barcelona ganz gut«, sagt er. Und selbst? Befindet sich Poqui auch in einem deliriumsartigen Glückszustand? »Ja, ich bin glücklich.«