Wie zwei Brüder Lincoln City nach oben führen

Lincoln schlägt jetzt auch Paul Scholes

Sobald die Mikrofone abgeschaltet sind, entspannt sich Cowley und bleibt sitzen. Ein Journalist erzählt, dass seine Frau gerade entbindet. »Oh«, sagt Cowley mitleidig, »bei meinen Kindern lag meine Frau beim ersten Mal 48 Stunden in den Wehen, beim zweiten Kind waren es 36.« Eine halbe Stunde lang plaudert er mal über Fußball, mal über seine Schlaflosigkeit nach Abendspielen (»Ich schlafe erst um 4 Uhr ein«). Dann steht Cowley endlich auf und sagt: »Naja, ich muss noch mehr Oldham-Videos anschauen - bin gerade beim fünften von sechs Spielen.«

Scholes zu Gast

Dieses Händchen für Details hatte er schon drei Tage vorher beim 1:0 gegen Yeovil Town demonstriert. Beim Spielstand von 0:0 ging der Ball ins Aus und ein Balljunge war etwas zu langsam, um die Kugel wieder zurückzuwerfen. Cowley drehte sich um, rief seinen Assistenztrainer Jamie McCombe hoch oben von der Haupttribüne zu sich. Dieser sprang gleich auf, rannte die Stufen hinunter und wurde sofort Richtung Balljunge kommandiert, wo er mit diesem ein paar klare Worte sprach. In der Halbzeitpause wurde dann allen Balljungen die Leviten gelesen. »Das gehört zum ganzen Versuch des Vereins, besser zu werden«, sagt Cowley, dann lächelt er: »In der zweiten Halbzeit sind die Balljungs viel besser aufgetreten.«

Wie viele kam Mittelfeldspieler Tom Pett nach Lincoln, weil Cowley ihn dazu überredet hatte, an diesem Fußballprojekt teilzunehmen. »Vor Lincoln City spielte ich bei Stevenage«, sagt der Mittelfeldspieler, »und obwohl Stevenage eine Kleinstadt ist, hat mich da keiner erkannt. In Lincoln wirst du in der Stadt ständig angesprochen, und allerlei Leute wollen auf der Straße mit dir Selfies machen. Das passiert natürlich öfter seitdem die Mannschaft erfolgreich ist.« Am folgenden Dienstagabend geht die Erfolgsserie weiter mit einem souveränen 2:0-Sieg gegen die Oldham-Truppe von Paul Scholes. Vor der Gastgeberbank stehen die zwei ehemaligen Sportlehrer, gestikulieren heftig 90 Minuten lang, geben Anweisungen, pfeifen und feuern ihre Spieler an. Vor der anderen Bank steht ein Mann, der im europäischen Fußball alles gewonnen hat, jetzt aber launisch hin- und herschleicht, meist auf den Boden guckt, taktisch ratlos zu sein scheint und sichtlich den Draht zu seinen Spielern verloren hat.

Neues Selbstvertrauen

Zeitgleich zum Spiel wird schon wieder im Parlament in London über das B-Wort abgestimmt. Theresa May bietet ihre neueste Version des Austrittsabkommens an, und wiederum wird es von johlenden Abgeordneten vernichtend abgelehnt. Es sind nur noch knapp zwei Wochen bis zum Brexit, und es ist keine Lösung in Sicht. Das Land nähert sich dem Chaos, aber in Lincoln verliert man heute Abend darüber kein Wort. Stattdessen singen 8.500 Fans: »The Imps are going up!« Es sind nur noch neun Spiele bis zum Schluss der Saison und zwischen Lincoln und einem Nichtaufstiegsplatz liegen schon zehn Punkte Abstand. Die Zuschauer schwelgen im Selbstvertrauen: Wir haben es wieder fast geschafft! Und man mag denken: Wenn die britischen Politiker so gewissenhaft, ehrlich und akribisch arbeiten würden wie die Cowley-Brüder, dann würde sich Großbritannien eventuell doch nicht von Europa verabschieden.