Wie wird man Weltmeister, Per Mertesacker?

»Davon zehre ich ein Leben lang«

Heute Nachmittag begeht Per Mertesacker sein Abschiedsspiel. Hier schrieb der Verteidiger einst über seine Karriere, Zweifel seines Vaters und Erfolg.

Chris Gloag
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In meiner Jugend sagte mir mein Vater, dass ich es nicht zum Fußballprofi schaffen würde. Seine Skepsis war nicht unbegründet: Ich war zwar ein guter Sportler, aber an eine Karriere als Fußballer habe auch ich nicht geglaubt. Ich war zwar immerhin bei den Auswahlmannschaften dabei, doch wenn es um die Besetzung der Mannschaften ging, stellten die Trainer mich erst einmal nach außen. Ich war abgeschrieben, so muss man es wohl sagen, und konzentrierte mich auf das Abitur. Das war mein Ziel, Fußball nur ein Hobby.

Doch mit 16 Jahren, in der B-Jugend, kam meine große Chance. Die Einführung der Viererkette war ein Segen für mich, denn ich kam sehr gut mit dem neuen System zurecht. Ich durchlief die Jugendmannschaften und rückte Jahr für Jahr auf in die nächste Mannschaft, doch so richtig Notiz nahm keiner von mir. Obwohl ich bei Hannover 96 spielte, träumte ich immer noch nicht von einer großen Karriere. Das war viel zu weit weg. In etwa so weit wie der Rasen im Stadion von den Zuschauerrängen bei 96. Ich habe das als Metapher gesehen, wenn ich als Fan im Stadion stand. Es blieb dabei: Mein Ziel war nach wie vor das Abitur. 

Wenn der Erfolg dann kommt, kann man ihn gar nicht richtig greifen.

Erst als Ralf Rangnick 96-Trainer war, beförderte er mich zu den Profis. Von da an ging alles ganz fix. Ich machte meine ersten Bundesligaspiele und wurde nach 20 Einsätzen in die Nationalelf berufen. Plötzlich war mein Papa wieder da und hat an mich geglaubt. Es ging alles so schnell und ich hatte kaum Zeit zum Innehalten. So ist es im Fußball: Erfolg kommt manchmal sehr unvermittelt und ist auch nicht immer planbar. Es bedarf manchmal auch des Zufalls – wie bei mir mit der Viererkette. Wenn der Erfolg dann kommt, kann man ihn gar nicht richtig greifen. 

Dieser Hunger nach Titeln entwickelte sich bei mir erst ab 2009, als ich mit Werder Bremen den DFB-Pokal gewann. Von da an habe ich mir konkret als Ziel gesetzt, Titel zu gewinnen. Vorher ging es darum zu spielen, Tore zu schießen bzw. sie eher zu verhindern, eben in kleinen Schritten zu gehen. Doch dieses Gefühl 2009 war so stark, dass ich es unbedingt wieder erleben wollte. Ein Mannschaftserfolg, zusammen mit den Fans feiern, ein intensives Erlebnis – das hat mich angetrieben. In diesem Jahr konnte ich das Gefühl dann wieder spüren, mit dem größten Titel im Fußball, der Weltmeisterschaft.

Doch auf dem Weg zum WM-Titel prägten mich auch schwierige Momente. Meinen ersten Karriereknick erlebte ich in der Nationalelf, als ich bei der EM 2012 nicht zum Einsatz kam.