Wie 1860 München wieder zu sich selbst finden will

»Wir brauchen Erfolgserlebnisse«

Der Kulttrainer:
Karsten Wettberg

Der »König von Giesing« ist ein großer Kritiker von Poschners sportlicher Bilanz. Karsten Wettberg führte die Löwen 1991 als Trainer zurück in den bezahlten Fußball. Mit ihm hatten die Sechzger zuvor 54 Spiele in Folge nicht verloren. Sein Interview in Unterhose auf dem Rasen des Grünwalder Stadions wurde zum Mythos. Wettberg sagt: »Dieser Verein braucht Typen.« Jeder Traditionsverein habe Ehemalige im Aufsichtsrat oder in der Geschäftsführung. Warum nicht der TSV 1860? Angesichts des aufgeblähten Kaders müsse doch jemand da sein, der eingreifen kann. Leute, die Ahnung vom Fußball haben. »Warum machen uns die Roten vor, wie man Ehemalige richtig behandelt?«, fragt Wettberg. »Das wäre unsere Aufgabe.«

Das größte Problem nach dem Verlust der Heimat sei der Mangel einer gelebten Philosophie. Des Gefühls, anders als alle anderen zu sein. »Denn«, so der 73-Jährige, »nur Sechzig ist Sechzig.« Wenn er Fußballcamps veranstalte, nähme er bedauernd zur Kenntnis, dass von 50 Kindern maximal zwei das Löwen-Trikot tragen würden. Der Rest liefe im Jersey des Ortsnachbarn auf. Wer will es ihnen verdenken? Als Blauer wird man eben oft gehänselt. Und so verliert der TSV 1860 eine Generation.

Der Jugendtrainer:
Daniel Bierofka

Ein letzter Held, der dem Klub erhalten geblieben ist, ist Daniel Bierofka. Der Profi hat 2014 seine Karriere bei den Löwen beendet. Schon sein Vater war Spieler und Trainer bei Sechzig. Infiziert mit dem Löwen-Virus wurde er als Neunjähriger an einem Freitagabend 1988. Sechzig spielte an der Grünwalder Straße gegen den 1. FC Amberg. Ein belangloser Kick, doch die Atmosphäre entsprach einem Europacupklassiker. Bierofka wurde bewusst: »Der Sechzger-Fan ist kein Erfolgsfan.« Er nahm die Haltung als Bürde und bildete zu aktiven Zeiten das ultimative Kämpferherz aus. Ein Löwe muss arbeiten, um sein Ziel zu erreichen. Mit dieser Art, Fußball zu spielen, hat er es bis zum Nationalspieler gebracht.

Im letzten Sommer fing Bierofka in der Jugendabteilung als Co-Trainer der U16 an. Auch er sehnt sich nach Kontinuität. In neun Jahren als Spieler hat er viele Trainer und Funktionäre kommen und gehen sehen. Doch für seine Laufbahn als Coach war das Unstete, das 1860 traditionell kennzeichnet, durchaus förderlich. Eigentlich war er darauf eingestellt, in Ruhe als Trainer zu reifen und die Jugendabteilungen nach und nach emporzusteigen. Doch nach diversen Rochaden auf dem Cheftrainerposten wirkt er seit Neuestem als Coach der U21. »Ich dachte, das werde ich frühestens in fünf Jahren«, wundert er sich.

Zumindest in der Öffentlichkeit kam Bierofkas Beförderung gut an, weil der Klub so im neuralgischen Nachwuchsbereich einen integren Blauen präsentieren kann. Die Jugendarbeit ist Sechzigs großer Stolz, sie genießt europaweit Ansehen. Doch zuletzt kriselte es auch in diesem Segment. Die C-Jugend und die A-Jugend befinden sich aktuell im Abstiegskampf. »Und wenn die U19 absteigt«, so Bierofka, »wäre es ein herber Imageverlust, der die Verpflichtungen neuer Spieler erschweren würde.« Das Nachwuchszentrum, das sich der Klub jährlich bis zu drei Millionen Euro kosten lässt, würde an Renommee verlieren.

Natürlich weiß Bierofka, wie sehr die Stadionfrage das Umfeld bewegt, doch er selbst habe als Profi stets gern in der Arena gespielt. Ihm ist die ganze Diskussion sowieso viel zu überhitzt. Was er sich für die Befriedung des Klubs wünschen würde? Er muss nicht überlegen: »Einen besseren Tabellenplatz, wir brauchen Erfolgserlebnisse – wir sind schließlich ein Sportverein.«

Der Allesfahrer:
Franz Hell

Von diesem Gedanken ist auch Franz Hell beseelt. Der 61-Jährige ist seit Gründung der Bundesliga Anhänger der Löwen. Sein erstes Ticket bekam er zum zehnten Geburtstag: Die Eintrittskarte zur Erstligapremiere der Löwen gegen Eintracht Braunschweig 1963. Seit 1970 ist er bei allen Partien dabei. In 45 Jahren hat er nur rund zwanzig Pflichtspiele verpasst. Wer so lange einem Klub nachreist, wünscht sich naturgemäß ein bisschen Erfolg und einen Platz an der Sonne. Dabei könnte es ihm im Grunde egal sein, wie es bei 1860 weitergeht. Vor Kurzem hat Franz Hell zum Trainer gesagt: »Du kannst der Mannschaft sagen, sie kann ruhig wieder mal gewinnen, mich spielt ihr sowieso nicht aus dem Stadion. Ich folge euch überall hin.«

Selbst ein Abstieg macht ihm keine Angst, er hat die Euphorie in der Bayernliga in den wilden Achtzigern noch in bester Erinnerung. Als die Löwen nach dem Lizenzentzug im August 1982 auf die SpVgg Landshut trafen, war am Grünwalder nur eine Kasse geöffnet, weil man mit maximal 1500 Besuchern gerechnet hatte. Doch das Auftaktspiel mobilisierte die Massen. 12.000 Fans strömten zum Stadion. Die Kassierer standen am Ende mit den Tickets auf der Straße und stopften das Bargeld in Plastiktüten, um der Scharen Herr zu werden. »Da wurde mir bewusst: Der Verein lebt!«, sagt Franz Hell. »Bei uns ist der Zusammenhalt am stärksten, wenn es richtig schlecht läuft.«

Insofern keimt die Hoffnung, dass in Kürze ein Ruck durch den Klub geht. Den aktuellen Kader hält er für den am schlechtesten zusammengestellten der jüngeren Vergangenheit. Er glaubt, dass es rund 5000 hartgesottene Anhänger gibt, die nicht mehr bereit sind, dem FC Bayern in die Tasche zu wirtschaften – und deshalb die Arena meiden. Beim Investor fragt Hell sich, ob er den Jordanier überhaupt so nennen darf. »Denn mit ihm sind wir immer nur halb schwanger«, so Hell. »Ismaik gibt stets nur so viel, dass wir nicht abnippeln.«

Im Gegensatz zu den meisten anderen hat er den Einstieg des Investors 2011 als echte Chance gesehen, damit der TSV 1860 wieder aufsteigt. Doch diese Hoffnung hat er begraben. Hell hat widerwillig akzeptiert, dass ein guter Zweitligaverein im modernen Fußball auch seine Daseinsberechtigung hat. Es würde Franz Hell völlig reichen, eine Löwen-Elf zu erleben, die die Zuschauer bei Heimspielen begeistert: »Ich will wieder eine Freude bei Sechzig haben.« In einem Stadion, in dem sich der Gast ein bisschen fürchtet. Denn Heimatmosphäre hat der Allesfahrer in der riesigen Arena nur sehr, sehr selten empfunden.

Doch damit der TSV 1860 wieder eine eigene Heimat bekommt, wäre es nötig, dass der Klub alle Kräfte bündelt und nicht wie gewohnt jeder querschießt. »Wissen Sie, die Sechzger«, sagt Allesfahrer Franz Hell, »sind in ihrer Geschichte von außen immer unzer­störbar gewesen. Das Chaos kam stets von innen heraus.«

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Der Artikel stammt aus 11FREUNDE #161, erschienen Ende März 2015. Nachbestellen könnt ihr die Ausgabe hier >>