Wie 1860 München wieder zu sich selbst finden will

»Wofür hat man denn einen Investor?«

Der Statthalter:
Noor Basha

Als Noor Basha, der Cousin von Hasan Ismaik, vor drei Jahren in München landete, hatte er andere Vorstellungen. Er nahm an, er sei im großen Fußballbusiness angekommen. Doch sein Vetter hatte eine Katze im Sack gekauft. Wie auf dem Basar hatten die klammen Münchner den fußballfernen Investor mit einem bunten Bauchladen geködert. 1860 sei ein gefallener Spitzenklub, der mit einem niedrigen Millionenbetrag wieder auf Erstligakurs zu trimmen wäre. Besonders begeisterte den Investor, dass er bei einem Klub einstieg, der in der weltberühmten Allianz Arena residierte. Es roch nach einem lukrativen Geschäft. Den Fuß in der Tür der westlichen Geschäftswelt, Verbindungen zu einem intakten Netzwerk in einem der modernsten Stadien der Welt. Oder wie Noor Basha sagt: »An einem Hot Spot in Europa für Europa.« Da er 60 Prozent der Klubanteile erwarb, nahm Ismaik an, Alleinherrscher des Klubs zu werden. Mit den Details der 50+1-Regel war er nicht vertraut. Basha: »Der Verein war nicht ehrlich zu Hasan.« Auch der Empfang fiel eisig aus. Die Fans fürchteten sich vor der Fremdbestimmung und protestierten. Und auch das Präsidium machte es den Jordaniern, nachdem der Lizenzentzug abgewendet war, nicht leicht. Statthalter Basha hatte anfangs sogar Hausverbot auf der Geschäftsstelle.

Als er nach Deutschland kam, konnte der Araber kein Wort Deutsch. Inzwischen spricht er die Sprache fließend und sagt, sein deutsches Lieblingswort sei »machen«. Weil bei den Sechzigern generell viel geredet und nur wenig umgesetzt würde. Der junge Statthalter hat dem Geldgeber, der so gut wie nie zu Heimspielen einschwebt, ein Gesicht verliehen. Basha ist bei vielen Fanveranstaltungen dabei, er diskutiert mit Ultras, ist um Transparenz bemüht. Nie hätte er erwartet, dass ein Verein so viel Kraft kosten kann. Jedes Jahr tilgt sein Cousin brav die anfallenden Schulden. Ismaiks Investitionen sind von anfangs 18,4 Millionen Euro auf weit über 40 Millionen gestiegen. Sportlich verbessert hat sich der TSV nicht. Wenn der Investor gewusst hätte, worauf er sich einlässt, hätte er es gelassen. »1860«, urteilt Basha heute, »taugt nicht als Businessmodell.«

Doch was nützt ein Geldgeber, der keine Visionen hat? Basha hat für sich einen Dreijahresplan aufgestellt. Er hofft, dass das Nachwuchsleistungszentrum weitere Top-Spieler produziert und der erhoffte Aufstieg doch noch gelingt und dem Cousin im fernen Abu Dhabi das erhoffte Renommee bringt. Tagelang hätten Ismaiks Freunde über das Fernschusstor des Ex-Löwen Moritz Stoppelkamp diskutiert. Nicht etwa, weil dessen neuer Arbeitgeber, der SC Paderborn, in Nahost von so großer Bedeutung sei, sondern weil die deutsche Eliteklasse auch dort die Gemüter erhitzt. Der wichtigste Baustein in Bashas Zukunftsvision aber soll der Umzug in ein eigenes Stadions sein. Es gibt rudimentäre Pläne für einen Bauplatz in München-Riem. »Denn in der Allianz Arena«, stellt der 28-Jährige enttäuscht fest, »gehören uns weder die Logen noch die Namensrechte.« Wie genau der Plan zu finanzieren sei, verrät er nicht. Und was macht sein Vetter, wenn der TSV 1860 absteigt? Basha antwortet vieldeutig: »Wir steigen nicht ab.«

Der Präsident:
Gerhard Mayrhofer

Nachdem Gerhard Mayrhofer im Juli 2013 Präsident geworden war, sprach ihn auf der Straße ein Greis an. Der Mann gab mit zittriger Stimme seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich unter dem neuen Präses nun doch alles zum Guten bei den Löwen wenden möge. Die Begegnung habe ihn tief beeindruckt, sagt der 53-Jährige. Doch das Amt lastet wie Blei auf den Schultern des Unternehmensberaters. Davon zeugen nicht nur die tiefen Ringe unter seinen Augen, sondern auch seine bisweilen unglückliche Außendarstellung. Bei seiner Wahl hatten viele in ihm die postmoderne Ausgabe eines Karl-Heinz Wildmoser erkennen mögen. Ein bajuwarisches Urviech, bierzelterfahren und als langjähriges Vorstandsmitglied eines Mobilfunkunternehmens mit Führungsqualitäten ausgestattet. Einer, der sich nicht auf Medien verließ, wenn es um die Kommunikation ging, sondern selbst über Facebook für den Anhang greifbar sein wollte. Allerdings erwies sich dieser Ansatz schnell als Bumerang. Denn Mayrhofer offenbarte einen Mangel an Kritikfähigkeit, der bei einem debattierfreudigen Klub wie 1860 katastrophale Folgen haben kann.

Als ein Fan ihn wegen einiger Rechtschreibfehler auf Facebook als »Trottel« bezeichnete, ging er rechtlich gegen den Follower vor. Bei Journalisten beschwerte er sich in E-Mails teils rüde über die Berichterstattung. Er hatte gehofft, den Klub in seiner Regentschaft zu reformieren und an die sportlichen Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen. Mayrhofer wollte den TSV 1860 als Kulturgut der Stadt und des umliegenden Landes neu beleben. Doch im Moment sieht er seine Aufgabe eher darin, dafür zu sorgen, dass der Klub weiter existiert. Auch er träumt von einer eigenen Heimat, einer uneinnehmbaren Löwenfestung, aber konfrontiert mit Bashas Plänen, lupft er nur vielsagend die Braue. Wie soll das bitte gehen, wenn sich der Investor lediglich aufs Tilgen der Schulden kapriziert? Dabei hat sich der Klub auf geschäftlicher Ebene mit regelmäßigen »Financial Reportings« und der Schaffung des Geschäftsführerpostens so aufgestellt, wie es der Geldgeber verfügt hat. »Wenn ich mir in der gegenwärtigen Situation etwas wünschen würde«, fleht Mayrhofer, »sind es finanzielle Mittel. Wofür hat man denn einen Investor?« Gelder, die dem Klub ein wenig Zeit und Entwicklungsmöglichkeiten einräumen. Damit das Produkt Fußball wieder attraktiver wird.

Der Sportdirektor:
Gerhard Poschner

Der Mann, der dafür die Verantwortung trägt, heißt Gerhard Poschner. Der Ex-Profi bekleidet seit April 2014 den Managerposten. Er trat mit dem Konzept an, das 4-3-3-System als Grundlagenphilosophie im gesamten Verein zu installieren. Trotz zahlreicher Transfers und einem üppigen Kader war ihm das Glück bislang nicht sonderlich zugetan. Mit Ricardo Moniz und Markus von Ahlen musste er zwei Trainer allein in dieser Spielzeit entlassen. Zuletzt kommandierte er U21-Coach Torsten Fröhling zu den Profis ab. Eine mutige Personalentscheidung angesichts der kritischen Tabellensituation – aber wohl auch die einzig finanzierbare.

»Ein Jahr hier zu arbeiten«, so Poschner galgenhumorig, »ist wie zehn Jahre woanders.« Sechzig sei ein ständiger »Komödienstadl«. Kein Tag ließe sich vorab planen. Wenn er die Zeitung aufschlägt, liest er täglich neue amüsante Einschätzungen sogenannter Experten. Der ehemalige Spieler des VfB Stuttgart weiß, dass Traditionsklubs sich im Spannungsfeld zwischen Fußballromantik und wirtschaftlichen Zwängen bewegen. »Entscheidend aber ist, dass in meiner Abteilung Ruhe herrscht.« Und Poschner versichert: »Und da ist Ruhe!«

Es klingt wie das Pfeifen im Walde. Denn sollte auch seine dritte Trainerberufung schief gehen, ist Poschner seinen Posten wohl los. Ganz davon abgesehen, dass der Abstieg dann ohnehin alle Pläne umwerfen würde. Seine oberste Priorität in der aktuellen Situation lautet deshalb: »Wir müssen unseren Arsch retten.« Sollte das gelingen, ist er zuversichtlich. Denn der Ex-Profi weiß, dass Extrem­situationen wie ein gemeisterter Abstiegskampf den Zusammenhalt in einer Mannschaft fördern und die Hierarchie festigen. Da Sechzig aktuell mit der jüngsten Elf der zweiten Liga spielt (Schnitt: 23 Jahre), kann das Team durchaus Zukunft haben – sofern sich in der prekären Situation nicht doch noch das Angst-Virus einnistet. Auch in dieser Hinsicht ist die luxuriöse Arena wenig hilfreich. Denn das Champions-League-Ambiente wirkt auf die junge Elf bei spärlicher Kulisse mitunter eher einschüchternd. »Wir spielen in einem Stadion«, so Poschner, »das uns definitiv keine Punkte bringt.«