Wer ist der neue VfB-Trainer?

Willig setzt auf Schwaben

Sein halbes sportliches Leben verbrachte Nico Willig bei der TSG Balingen (seit dieser Saison Regionalliga Südwest). Schon neben seinem Sportstudium in Tübingen coachte er dort Jugendmannschaften. 2008 schufen die Württemberger für ihren Schützling erstmals die Position des Jugendkoordinators. Willig richtete die Nachwuchsabteilung der TSG neu aus, was schnell Früchte trug. 2013 verhalf er der U19 des Provinzklubs sensationell zum Bundesliga-Aufstieg, aus sportlichen Gründen verzichtete der Verein jedoch darauf.

Stattdessen machte ihn der damalige TSG-Sportvorstand Karsten Maier noch im selben Jahr zu seinem Trainernachfolger – und schmiss seinen »Ziehsohn« nach einer schwachen Rückrunde 2014 direkt wieder raus. Damals, so sagen ehemalige Spieler der TSG, habe es Willig nicht geschafft, sein komplexes Fußballwissen auf eine Amateurelf zu übertragen.

»Als würde mir jemand das Herz aus der Brust reißen«

Willig hatte alles auf eine Karte gesetzt. Auf Fußball. Nun entzog ihm ausgerechnet jener Verein, für den er fast zwei Jahrzehnte gebrannt hatte, das Vertrauen. »Es war, als würde mir jemand das Herz aus der Brust reißen«, sagte er später. »Trotzdem habe ich schnell gemerkt, dass ich weiter gefragt bin.« Just der VfB bot dem beurlaubten Coach, der 2016 unter anderem mit Julian Nagelsmann die Fußballlehrer-Lizenz meisterte, eine Hospitationswoche an.

Über die Stuttgarter Kickers, die ihn 2015 für ihre U19 holten, fand Nico Willig beim VfB Stuttgart eine neue Heimat, rückte über die U16 und U17 in die A-Jugend auf, die er an die Spitze der Bundesliga Süd/Südwest und ins DFB-Pokalfinale führte. Willig nervte, dass die Stuttgarter aus ihren traditionell starken Jugendmannschaften in den letzten Jahren stets zu wenig machten. Bernd Leno, Joshua Kimmich oder vielleicht auch Timo Werner, sie alle begannen beim VfB, explodierten sportlich aber bei anderen Klubs. Das müsse sich ändern, meinte er.

Auch deshalb setzt Willig in seiner U19 auf zahlreiche Spieler aus der schwäbischen Region. Er halte nichts davon, Nachwuchsspieler in jungen Jahren aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen oder Spieler aus dem Ausland »umzupflanzen«. Die Herkunft schaffe Identifikation und Bindung an den Verein. »Ich halte das für leistungsfördernd.«



Schon als Willig 2016 die U16 des VfB übernahm, musste er »sich manchmal kneifen«. Der VfB sei schließlich das Aushängeschild seiner Heimat und Gesprächsthema Nummer eins. »Der Klub verbindet Menschen unterschiedlicher Schichten und Herkunft miteinander«, sagte er damals und erzählte die Anekdote eines Bäckers, der für die VfB-Jugendteams bei Auswärtsfahrten am Wochenende noch vor Ladenöffnung Proviant bereitstelle. »Mein Betreuer läuft nun in die Backstube, bekommt dort direkt seine Brötchen, und der Bäcker legt immer noch Brezeln für uns Trainer dazu. Geld will er keines. Er freut sich einfach, wenn er seinen kleinen Beitrag zu einem erfolgreichen VfB-Spiel beitragen kann. Das ist Liebe zum Verein.«

»Jetzt bist du ein richtiger Trainer«

Als Willig 2014 bei der TSG Balingen beurlaubt wurde, sagte jemand mal zu ihm: »Jetzt bist du ein richtiger Trainer«. Er habe das zunächst nicht kapiert. »Doch mit der Zeit fängst du an, dir selbst Fragen zu stellen.« Der Rausschmiss zeigte Willig vor allem, dass der Sport schnelllebig ist. »Die Halbwertszeit von Prognosen erleben wir im Fußballgeschäft täglich.« Wahrscheinlich vereinbarte Willig mit Hitzlsperger auch deshalb nur ein Engagement bis zum Saisonende.

Ob er sich selbst einmal in der Bundesliga sähe, wurde Willig noch als U19-Trainer gefragt. Er sei gewiss ambitioniert, wisse aber auch, wie schwer dieses Ziel für einen jungen Coach zu erreichen sei, der selbst nie Profi war, antwortete er. »Auch Co-Trainer, eine Aufgabe in einem Nachwuchsleistungszentrum oder die Trainerarbeit auf hohem Nachwuchsniveau erscheinen mir reizvoll.«

Sollte Nico Willig den Bundesliga-Sechzehnten tatsächlich noch zum Klassenerhalt und aus der Krise führen, sollte ein solches Amt beim VfB für ihn drin sein. Womöglich bauen sie dem jungen Schwaben dann sogar eine Statue, unter die sie »der Willi Landgraf Stuttgarts« schreiben. Zwar hat Willig mit Hitzlsperger vereinbart, nach der Saison zur U19 zurückzukehren, aber vielleicht parkt er seinen Pkw auch in der neuen Saison auf dem Klubgelände des VfB – auf dem Parkplatz des Cheftrainers.