Warum Premier-League-Vereine ihre Spieler ins Gefängnis schicken

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Immer mehr englische Profiklubs pflegen Partnerschaften mit Gefängnissen, um Straffälligen bei der Resozialisierung zu helfen – oft weit über deren Haftzeit hinaus.

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So ein Gang ins Kittchen ist hart. Das musste auch Premier-League-Profi Michail Antonio kürzlich feststellen. Als der Flügelstürmer von West Ham United den Innenhof der Haftanstalt von Chelmsford betrat, hallten bei weitem nicht nur freundliche Begrüßungsformeln durch die vergitterten Fenster. Und das, obwohl Antonio doch zum Helfen gekommen war: Der 29-Jährige ist ein prominenter Vertreter des »Twinning Project«, bei dem englische Profivereine dauerhafte Patenschaften für nahe gelegene Gefängnisse und deren Insassen übernehmen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Michail Antonios Klub ein Vorreiter des Projekts war, schließlich stammen die »Hammers« aus dem berüchtigten Londoner East End, einem echten Kriminalitäts-Hotspot.

Natürlich passt so eine Geschichte wunderbar in die Vorweihnachtszeit, weil sie von Nächstenliebe, von Vergebung und von gelebter Hilfsbereitschaft erzählt. Und doch bewirkt das »Twinning Project« mehr als nur ein kurzes adventliches Augenleuchten: Die beteiligten Vereine (darunter auch Liverpool, Everton, Arsenal und Manchester City) gehen jahrein, jahraus dorthin, wo es richtig wehtut: in den Knast. Und zwar in jeder verdammten Woche. Weit über 40 Klubs aus den vier höchsten Ligen Englands haben inzwischen eine Partnerschaft mit einem Gefängnis in ihrer Nähe geschlossen – und das für viele, viele Jahre. Im Idealfall sogar: lebenslänglich.

»Ich dachte vorher, ich treffe vielleicht jemanden, den ich kenne«

Wenn Stars wie Michail Antonio vorbeischauen, halten sie den Knackis keine Vorträge über Moral und Mitmenschlichkeit. Sie wollen ihnen einfach vor Augen führen, dass man sie nicht aufgegeben hat – und dass sie zurück in die Gesellschaft finden können. Nämlich durch harte, schweißtreibende Arbeit: Ausgewählte Gruppen von je 13 Gefangenen, die sich durch gute Führung bewährt haben, dürfen jeweils sechswöchige Qualifizierungs-Trainings unter professionellen Fußball-Coaches absolvieren. Ziel ist nicht etwa eine Anschluss-Karriere im Trikot von Arsenal oder Liverpool, sondern das Erlernen von so genannten Life-Skills wie Zielstrebigkeit, Selbstdisziplin und Regelbewusstsein. Schnurgerade Leitlinien, die den Delinquenten einen ehrlichen Weg durchs Leben aufzeigen sollen.

West-Ham-Stürmer Michail Antonio blieb etwa zwei Stunden hinter den hohen Mauern von Chelmsford. Die Schimpf-Tiraden aus manchen Zellen trug er mit Fassung, denn der jamaikanisch-stämmige Engländer aus dem Londoner Vorort Wandsworth ist eine raue Umgebung gewohnt. »Ich dachte vorher, ich treffe vielleicht jemanden, den ich kenne«, scherzt er gegenüber der »Daily Mail«. Doch, Spaß beiseite: »Menschen werden meistens dann kriminell, wenn sie glauben, dass niemand da ist, der ihnen hilft«, sagt Antonio. »Wenn sie keine andere Chance für sich sehen, versuchen sie es eben so. Der Einfluss der Coaches hier drinnen ist daher riesig. Denn wenn die Häftlinge sehen, dass man sich ihrer annimmt, helfen sie auch sich selbst und glauben, dass es da draußen eine faire Chance für sie gibt.«