Warum die Premier League schlechter und zugleich besser als ihr Ruf ist

Was wirklich zählt

Keine Pyros, keine Fahnen, keine Ultras - kein Schnickschack. Einfach nur: Fußball. Und seine Junkies.


Männer und Frauen. Alt und jung. In Nadelstreifen und Ballonseide.



Die hier sind, um das Spiel zu sehen. Nicht, um sich selbst zu überhöhen.

Beim Fußball kommt zusammen, was sonst kaum eine Schnittmenge hat. Hier sitzt der Arzt neben dem Punk neben dem Bäcker neben dem Rentner und seinem Enkel. Vereint im Blick auf das Spielfeld. Vereint in der Hoffnung auf einen Sieg ihrer Mannschaft. Das ist überall so. Und wird hier in Brighton doch deutlicher als irgendwo sonst.

Für den Moment, das Spiel, den Verein

Und sie alle kennen die Lieder, die zahllosen Chants, die jeder Situation einen gebührenden Rahmen geben. Für den 39-Jährigen spanischen Kapitän Bruno, den Mann mit dem Jahrhundertbart und dem Herzen einer Armada. Für den Fan unter ihnen, der trotz Verbot versucht hat, ein Bier ins Stadioninnere zu schmuggeln und der gerade von den Ordnern seines Platzes verwiesen wird: »Down it, down it!« Für jede einzelne Möwe, das Wappentier von Brighton&Hove, die über dem Rasen ihre Kreise dreht: »Seagulls, Seagulls«! Aus tausenden Kehlen, aus allen Ecken des Stadions: Kein Stimmungsprimat hier, keine Tribünen-Noblesse dort. Einfach nur: Leben im, leben für den Moment. Das Spiel. Den Verein. Ihren Verein. 

Der es einem einfach macht. Keine alberne Halbzeit-Show, keine Ecke, keine Nachspielzeit, kein Nichts, das von einem Sponsor »präsentiert« wird. Ein paar Geburtstagsgrüße stattdessen und Musik, über die sich streiten lässt, über die man aber nicht streiten muss, weil es nicht lohnt, weil es ok ist. Weil Mainstream manchmal auch heißt, es der Mehrheit Recht zu machen, damit es der Mehrheit gut geht.

Ist schneller gleich besser?

Und das Spiel selbst? 15. gegen 16., Abstiegskampf. Und das sieht man. Auch wenn der Gast aus Southampton, wenn das Team von Ralph Hasenhüttl versucht, in geordneten Pass-Stafetten und nicht nur über Läufe und Langholz nach vorn zu gelangen. Und sie haben ja feine Kicker. Pierre-Emile Höjbjerg, dem man ansieht, warum sie bei den Bayern einst dachten, er sei ihre Zukunft. Oder Nathan Redmond, der immerhin ein Länderspiel für England in der Vita stehen hat und der zu viel mehr das Zeug hat, so elegant und gewitzt schwebt er über den Rasen.

Aber insgesamt ist es vor allem doch: Abstiegskampf. Und wenn vom Niveau in der Premier League geredet und geschwärmt wird, dann meint niemand Partien wie diese. Dann wird vergessen, dass nicht alles Manchester, Tottenham und Liverpool ist. Sondern auch viel Fulham, Burnley, Huddersfield. Und Brighton&Hove gegen Southampton. Ja, das Spiel ist schneller, direkter. Aber ist es deshalb besser? Ist Metal besser als Klassik? Ist ein Thriller besser als ein Lyrikband? War Dariusz Wosz besser als Christian Wörns?