Über die Trikotpreise der Bundesligisten

Der letzte Schrei

Wer zur neuen Bundesliga-Saison in der Kurve en vogue sein will, muss mächtig in die Tasche greifen: Die neuen Trikots der deutschen Erstligisten kosten im Schnitt 100 Euro. Warum machen sich Fans für teuer Geld freiwillig zu Markenbotschaftern von Unternehmen?

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Wie sich die Zeiten ändern. Als zur Saison 1992/93 die neue TV-Show ran auf Sat1 anlief und den Beginn des modernen, kommerzialisierten Fußballs in Deutschland markierte, spottete Moderator Reinhold Beckmann noch über das Outfit des frischgebackenen Schalke-Coachs Udo Lattek. Der angegraute Trainerfürst war von Kopf bis zur Jogginghose mit Sponsorenlogos zugekleistert. Lattek schwoll bei den frechen Nachfragen mächtig der Kamm, mit knallroter Birne stellte er den Fragesteller in den Senkel. Offenbar war er sich durchaus bewusst, dass er sich dem schnöden Mammon zuliebe der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Und wir vor der Glotze schüttelten schadenfreudig der Kopf: »Der olle Lattek, was für ein Pavian!«

Wandelnde Litfaßsäule

Heute gehört es in Fankurven längst zum guten Ton, die Kommerzialisierung im Fußball anzuprangern, über Ticketpreise zu diskutieren und die explodierenden TV-Gelder mit Sorge zu betrachten. Von diesem fruchtbaren Diskurs ausgenommen bleibt meistens jedoch die Frage nach den Trikot-Kursen. Wie opferbereites Schlachtvieh rennt auch der weniger betuchte Anhänger zum Start in die neue Serie in den Fanshop, um sich ritualisiert mit dem meist nur schemenhaft überarbeiteten Jersey seines Vereins neu einzukleiden. Über Beckmanns einstige Frage an Lattek, wie es sich denn als wandelnde Litfaßsäule so anfühle, macht sich niemand mehr Gedanken.

Da mag die soziale Schere noch so weit aufgehen, ohne mit der Wimper zu zucken, streifen sich Tausende von Anhängern auch in der neuen Bundesligasaison wieder Hemden mit großflächigen Logos von Ein-Euro-Shops, zweifelhaften Immobilien-Fonds, russischen Energiekonzernen oder Hühnerfarmen über den Torso. Und helfen fleißig mit beim Ausbau der Markenbekanntheit finanzstarker Konzerne und der Assoziierung dieser Unternehmen mit dem flauschigen Wohlfühlsegment Fußball. Selbst für das seltsam aus der Zeit gefallene, spießige DFL-Logo auf dem Ärmel schämt sich niemand.

Besonders bemerkenswert ist diese Entwicklung, weil bei den Trikotpreisen seit Jahren eine galoppierende Inflation eingesetzt hat. Gerade veröffentlichte das Fachmagazin Kicker eine Übersicht über die Preise, die ein Anhänger für das aktuelle Jersey inklusive Spielerflock und Liga-Logo bei seinem Bundesligisten zahlen muss. Mit 108,90 Euro ist RB Leipzig Spitzenreiter in diesem Ranking, dicht gefolgt von Eintracht Frankfurt, wo der Fan 107,45 Euro für das bunte Werbe-Shirt hinlegen muss. Auch Anhänger von Mönchengladbach, Hertha BSC, dem FC Bayern, dem VfL Wolfsburg und vom FC Schalke 04 zahlen mehr als hundert Euro, wenn sie ab dem ersten Spieltag in ihrer Kurve der letzte modische Schrei sein wollen. Aber auch alle anderen Erstligisten verlangen nun unwesentlich weniger. Am billigsten kommt noch der Mainzer Supporter weg: Für 87,45 Euro ist an seinem atmungsaktiven Hemdchen alles dran und drauf, was den kürzlich verstorbenen Karl Lagerfeld im Grabe rotieren ließe.

30 Cent für die Näherin

Nur zum Vergleich: Vor der WM 2018 recherchierte die Berliner Morgenpost, dass ein Trikot der deutschen Nationalelf (Hersteller: adidas) in der Produktion und durch den Transport insgesamt etwa 8,60 Euro kostet. Auf den Lohn für die Näherin entfallen dabei gerade mal 30 Cent. Ohne moralisch werden zu wollen, daran bitte denken, wenn demnächst am Stammtisch wieder heißblütig die Kommerzialisierung diskutiert wird. Schaut vorher kurz an euch runter, wir sind alle ein Teil der Entwicklung.

Immerhin: Einige Firmen rühmen sich, ihre Trikots unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit herzustellen, aus recycelbaren Materialien. Sprich: Die Plastikflasche, die ich letzte Woche in die Gelbe Tonne entsorgt habe, trage ich jetzt stolz mit dem Klubwappen und dem Werbebanner des Premiumpartners über der Plauze. 100 Euro gezahlt, geile Klamotte und was für die Umwelt getan!? Es heißt: »Kleider machen Leute«. Doch zum Glück noch keine Menschen. Udo Lattek war sich dessen noch bewusst.