Über das wundersame Comeback von América de Cali

Zurück im Himmel

Gesperrte Konten, Kontakte zum Cali-Kartell, sportliche Talfahrt: América de Cali war nach zwei Horror-Jahrzehnten ganz unten angekommen. Jetzt hat der einstige Riese des südamerikanischen Fußballs den eigenen Finalfluch besiegt – und ist endlich wieder Meister. 

Bild: Viktor Coco

Und plötzlich ist es auf der Tribüne so ruhig wie seit vier, fünf Stunden nicht. Es ist die Ruhe nach dem Sturm. Den Boden bedeckt ein dicker Teppich von Papierschnipseln, in der Luft verflüchtigt sich der Rauch der letzten bengalischen Feuer. Während auf dem Spielfeld hektisch die Werbebühne für die Pokalübergabe aufgebaut wird, tippt Carlos Alberto auf seinem Smartphone in rentnerfreundlichen Großbuchstaben in ein Chatfenster: »Volvimos!« - »Wir sind zurück«.

Ein Berg von einem Mann mit rotem Trikot, roter Sporthose, roten Schuhe und goldener Armbanduhr. Seit 55 Jahren kommt er zu den Heimspielen von América und trotz der üblichen kolumbianischen Freundlichkeit hat er jetzt scheinbar keine Lust auf ein Gespräch. Absolut verständlich, es gilt eine Meisterschaft zu feiern. Nach elf erfolglosen Jahren, davon fünf Jahre gar in der zweiten Liga.


Bild: Viktor Coco

Die wichtigste Antwort hatte er sowieso während des Spiels gegeben. Da stand er auf einem wenige Zentimeter breiten Mäuerchen, ein Bein hinter und eins vor einem wellenbrechenden Eisengeländer. Mit einer Hand hielt er sich an einem Längsbanner fest, der vom Oberrang von der Dekoration vor dem Spiel herunterhing. Mit der anderen Hand begleitete Carlos Alberto den Rhythmus der Fansänge, die der harte Kern der Fanszene, der Barón Rojo Sur (»der Rote Baron Süd«) unentwegt initiiert: »Se viene la banda del diablo« (»Hier kommt die Bande des Teufels!«) heißt es dann wieder und wieder.

Plötzlich war der Teufel weg

Was hatten sie getobt, als Anfang des Jahres der Teufel aus dem Wappen verschwunden war. Hashtags, Spruchbänder, Wutlieder. Aber die Vereinsführung zeigte sich uneinsichtig: Nach 79 Jahren verbannte man den Teufel mit Ball am Fuß und Dreizack in der Hand. Ein Markenzeichen, sympathisch altbacken und einigen abergläubischen Christen ein Dorn im Auge. War er verantwortlich für die Titelflaute? Ein »A« sollte ihn ersetzen. Ein großes »A«, so groß wie der namensgebende Kontinent, so groß wie die Geschichte des Klubs, die noch größer hätte sein können, wenn da nicht dieser Fluch gewesen wäre. Dieser Finalfluch. Eine katastrophale Endspielbilanz und eine vom Pech geprägte Vergangenheit.

In den Achtzigerjahren boomte Cali, die drittgrößte Stadt Kolumbiens. Der Kokainhandel brachte Milliarden US-Dollar in den Südwesten des Landes, große Gangster galten noch als charmante Schmuggler und der Größte von ihnen, Miguel Rodríguez Orejuela, finanzierte alsbald seinen Lieblingsverein América. Sogar mit dem jungen Diego Maradona war angeblich verhandelt worden, aber dann prägten andere jene erfolgreichen Jahre, in denen die Roten Teufel fünfmal hintereinander die Meisterschaft gewannen und sogar dreimal das Finale der Copa Libertadores erreichten. Aber: Sie verloren alle drei Endspiele. 85, 86, 87. Das höchste Fußballglück des Kontinents blieb ihnen schmerzhaft verwehrt.


Bild: Viktor Coco

Und es kam noch schlimmer. 1988 hatte sich das Cali-Kartell endgültig mit jenem in Medellín verkracht, fast täglich explodierten nun Bomben. Miguel Rodríguez lieferte sich mit dem deutlich berühmteren Drogenboss Pablo Escobar einen erbitterten Krieg, in dem vielleicht seine größte Niederlage war, dass Pablos Herzensklub Atlético Nacional aus Medellín 1989 als erster kolumbianischer Klub überhaupt ebenjene ersehnte Copa Libertadores gewann.