Über das Dortmunder Fanverhalten

Gemeinsam desolat

Die Saison läuft bisher wie die Cranger Kirmes: Eine Achterbahnfahrt jagt die nächste, das Westfalenstadion wird zur „Wilden Maus“. BVB-Experte Daniel vom Bruch sieht Probleme – und fasst den Fans an die eigene Nase. imago images
Die Saison läuft bisher, als wären wir auf der Cranger Kirmes: Eine Achterbahnfahrt jagt die nächste. Kaum kommen die Waggons zum Stehen und die Sturmabteilung beendet die chaotische Tour mit Toren, stoßen uns die Abwehrspieler zurück in unsere Sitze, lassen die Sicherheitsriegel einrasten und schicken uns wieder auf die unheilvolle Reise durch seelische Loopings und steile Abfahrten. Bis wir, wie gegen den HSV, kurz vorm Kotzen sind. Das Westfalenstadion wird zur „Wilden Maus“. Und nun haben wir einen Sack voller Probleme. Probleme, an denen wir Fans nicht ganz unschuldig sind.

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Drei verschiedene BVB-Gesichter innerhalb von zehn Tagen durften wir bestaunen. Das formidable beim 3:0 gegen Bremen, das mittelmäßige beim 2:3 in Berlin und nun – schlussendlich die hässliche Fratze beim 0:3 gegen den HSV. Aber nicht nur die Mannschaft zeigte sich von der schlechtesten Seite. So mancher Fan meinte, es sei eine prima Idee, ab Minute 7 jede Aktion von Roman Weidenfeller mit Pfiffen zu quittieren. Und auch alle anderen BVB-Kicker mit Spott zu überschütten. Ab da war eigentlich klar: Das wird heute nichts.

Und nun haben wir Probleme. Da wäre das Abwehrproblem. Schien es zunächst so, als sei mit der Hereinnahme von Markus Brzenska, der sich wohl im Urlaub nur auf der Spielkonsole mit Sport beschäftigt hat und deswegen die ersten Spiele zwangspausierte, Stabilität in die wackelige Kovac-Wörns-Innenverteidigung gekommen, schossen gegen den HSV alle aus der Viererkette mindestens einen Bock. Lediglich Degen-Vertreter Mehmet Akgün, eigentlich Stürmer, unterlief ein verzeihbarer Fehler. Er ließ „nur“ Rafael van der Vaart mal einen Moment zu lang aus den Augen. Der haarsträubende Ballverlust von Markus Brzenska vor dem 0:3 war eine Mischung aus Ratlosigkeit und totaler Verunsicherung. Das verlorene Laufduell von Christian Wörns vor dem 0:2 eine Mischung aus Ungeschick und Schneckentempo. Der verunglückte Abschlag von Roman Weidenfeller, der dann im kongenialen Zusammenspiel mit irgendwelchen BVB-Spielern zum 0:1 führte, war kein Gemisch, sondern rein psychologischer Natur.

Wir haben nun zu wenig Punkte, ein weiteres Problem. 9 Zähler aus sieben Spielen sind eher eines Abstiegskandidaten würdig, vier Niederlagen zu so einem frühen Zeitpunkt in der Saison sind einfach zu viel. Nun hat die Mannschaft (mal wieder) den Druck, gegen den KSC gewinnen zu müssen. Keine komfortable Situation. Aber eine, mit der sie in der letzten Saison teilweise überraschend gut umging. Der berühmte Funken Hoffnung.

Das Torwart“problem“, eine weitere aktuelle Baustelle, ist ein aus dem Nichts geborenes. Roman Weidenfeller fiel in den ersten beiden Saisonspielen lediglich durch eine mittelmäßige Form auf. Fehler unterliefen ihm keine, seine Vorderleute dagegen übertrafen sich gegenseitig mit der Produktion von Abwehrschnitzern. Gegen Rostock, Cottbus und erschreckend schwache Bremer gab es dann wenig zu halten und das meisterte Ersatz Marc Ziegler hervorragend, wenn auch manchmal - vorsichtig gesagt - unorthodox. Aber was dann geschah, das sucht wohl seinesgleichen in der Fußballfanszene. Im sg-Forum wurde die große Weidenfeller-Jagd eröffnet. So mancher User, offenbar narkotisiert und benommen von zu starkem Konsum eines unsäglichen Schmierenblatt aus dem Genre Boulevard, sehnte sogar Torwartfehler herbei –des eigenen Torwarts. Unfassbar.

Doch im Stadion im Heimspiel gegen Hamburg wurde es noch schlimmer. Roman Weidenfeller stand direkt auf der Abschussliste einiger Fans. Schwenkten sie noch vor dem Anpfiff begeistert die Sponsorenfahne im Rhythmus zu „Heja, BVB“, legten sie diese schnell beiseite, um unseren Torwart auszupfeifen. Zugegeben, seine Aktion vor dem 0:1 sah schon sehr stümperhaft aus. Aber zu glauben, er würde das Fußballspielen im Schnelldurchgang durch Schmähungen erlernen, ist ja wohl an Naivität nicht zu übertreffen. Oder was soll durch ein Auspfeifen erreicht werden? Glaubt tatsächlich irgendjemand im Stadion, dass durch Spott und Hohn ein 0:1 umgebogen werden kann? Natürlich klappt das nicht. Zumal sich die Pfiffe nicht nur auf unsere Nr. 1 bezogen, sondern im weiteren Verlauf auf jeden, dem der Ball auch nur 20 Zentimeter vom Schlappen sprang. Die Verunsicherung war greifbar, ein Teil der Fans versuchte verzweifelt in der ersten Halbzeit unter dem Kommando unseres Capo die Stimmung wieder in ordentliche Bahnen zu lenken. Was aber nur teilweise und am Ende gar nicht mehr gelang.

Damit wären wir wieder bei der Frage: Was darf ich als Fan? Habe ich bei Bezahlung einer Eintrittskarte das Recht, die Spieler bei Niederlage oder bei Fehlern gnadenlos niederzumachen? Bei der Beantwortung dieser Frage, sollte bedacht werden, dass Fußball ein Sport ist, der von Unwägbarkeiten und – oh, Schreck - von Fehlern lebt. Und vorweg: Ich gestehe jedem Fußballer zu, dass er auf den Platz geht, um zu gewinnen und nicht, um den unzufriedenen Fans mit dicken Schnitzern mal so richtig den Tag zu vermiesen. Wie ein Fußballspiel ausgeht, das steht nun mal vorher nicht fest. Kaufe ich eine Theaterkarte und der Hauptdarsteller bringt in Szene 2 plötzlich einen völlig anderen Text, dann darf ruhig gepfiffen werden. Denn ein Theaterstück ist eine fixe, vorher minutiös geprobte Angelegenheit, die jedes Mal 1:1 umgesetzt werden muss. Sport dagegen kann zwar auch trainiert, geübt werden. Der Ausgang aber ist immer von Tagesform, Taktik, genialen Einfällen und Ausnutzen von Fehlern abhängig. Deswegen habe ich als Fan natürlich das Recht, sauer zu sein. Aber in erster Linie auf das Ergebnis. Und natürlich darf ich auch unzufrieden mit den Spielern sein, wenn ihnen wenig gelingt. Aber die eigenen Kicker zu verspotten, auszupfeifen mit dem Ziel, sie systematisch fertig zu machen, ist unterste Schublade. Zumal die ja auch, wie wir alle, Menschen sind, die verunsichert werden können, denen das so wichtige Selbstbewusstsein auch mal schnell flöten gehen kann. Vor allem in Dortmund. Ein 80.000er Stadion ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Aber auch eines, das ganz schnell zur zentnerschweren Last für die schwatzgelben Akteure auf dem Rasen werden kann. Deswegen haben wir als Fan im Westfalenstadion die Pflicht, sorgsam mit diesem Gut umzugehen. Und es nicht sinnlos zu verschleudern. Dass wir schon lange nicht mehr „die besten Fans der Liga sind“ (auch wenn wir das absurderweise vor jedem Heimspiel zu hören bekommen – Nobby, eine Bitte: Lass es einfach weg in Zukunft), ist klar. Aber mit der Leistung am Dienstag haben wir eine erfolgversprechende Bewerbung für den Titel „Schlechteste Fans der Liga“ abgegeben.

Sind das vielleicht die negativen Auswüchse der so herzhaft angestrebten 50.000er-Marke im Dauerkartenverkauf? Eins ist sicher: Wer mit dem Versprechen einer hervorragend aufspielenden und um die europäischen Plätze (vielleicht mehr) mitkickenden Mannschaft zum Kauf eines Saisontickets bewegt wurde, der verlangt natürlich auch Siege. Gelingen diese Siege nicht, werden unerfahrene Fans ungehalten. Fansein ist ein Lernprozess. Wer die ganz besondere Psychologie des BVB-Teams nicht kennt, der kann damit auch schlecht umgehen. Und wer Reportern glaubt, die populistisch behaupten, dass Fans dem eigenen Team einfach mal mit Supportentzug und Pfiffen „in den Arsch treten“ müssen, und schon läuft es, der setzt dieses natürlich auch im Stadion in die Tat um. Doch nicht erst seit letzten Dienstag sollte klar sein: Das mag vielleicht in Einzelfällen klappen, im Normalfall führt ein Fanverhalten und eine Stimmung wie nach dem 0:1 zu einer haushohen und blamablen Niederlage. Und wenn dann noch Fans bei 0:2 in der Halbzeitpause feixend und lachend den Abend genießen und andere jubeln, weil Hertha BSC Berlin gegen Hansa Rostock verliert, dann darf ruhig gefragt werden, ob diese Leute überhaupt verstehen, was am Dienstag im Stadion so abging. Und ob sie überhaupt mit dem nötigen Ernst – auch wenn es „nur“ ein Hobby ist – bei der Sache sind.

Und nun? So was wie gegen Hamburg darf einfach nicht mehr passieren. Es war beschämend und erinnerte beängstigend an das Spiel gegen Leverkusen in der letzten Saison, als Aktionen des Gegners beklatscht und die eigene Mannschaft niedergemacht wurde. Fehlte jetzt nur noch, dass sich ein Mob aufmachte, um hinter der Trainerbank gegen alles zu pöbeln, was zur sportlichen Leitung gehört. Ein Auspfeifen der eigenen Mannschaft hat immer Verunsicherung zur Folge. Und Verunsicherung schießt keine Tore. Vor allem nicht im Westfalenstadion.