Torwartdiskussion in Dortmund

Roman - aber kein Bestseller

Nüchtern betrachtet ist die Sache im Tor der Borussen klar. Weidenfeller: 3 Spiele, 10 Gegentore. Ziegler: 3 Spiele, kein Gegentor. Doch für BVB-Experte Arne Kazperowski soll es keine Torwartdiskussion geben.
Michael Zorc war schon als Spieler kein Mann für die lauten Töne, daran hat sich auch als Funktionär nichts geändert. Wenn der Sportdirektor laut wird, muss also schon etwas Ungewöhnliches passiert sein. Nach dem Spiel am Samstag war es soweit: Befragt zur Kritik an Roman Weidenfeller, blaffte Zorc entnervt zurück. Und offenbarte dabei, wie genervt man im Verein inzwischen von der von außen herein getragenen Torwartdiskussion ist. Die unsinnige Stammplatzdiskussion verdrängt dabei leider eine viel wichtigere Frage in den Hintergrund: Wo sind Romans Spitzenleistungen hin?

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Wer eine bestimmte Intention verfolgt, wird stets auch eine Statistik finden, um diese zu untermauern. Im Fall der Torwartdiskussion ist das ganz einfach: Roman Weidenfeller: 3 Bundesligaspiele, 10 Gegentore. Marc Ziegler: 3 Bundesligaspiele, kein Gegentor. Noch Fragen? Ist doch alles gesagt. Roman auf die Bank, Marc ins Tor! Derart plakativ wie simpel verläuft derzeit die Scheindiskussion um den Stammplatz zwischen den Pfosten. Doch ganz so simpel ist es dann eben doch nicht, wie heute die Ruhrnachrichten vorrechnen: Während Ziegler in den drei Partien nur sieben Schüsse aufs Tor bekam und fünfmal zu parieren hatte, bekam Weidenfeller in seinen Spielen die dreifache Menge auf Gehäuse und musste elfmal in höchster Not retten. Also doch alles retour? Weidenfeller der bessere Keeper? Marc bleibt auf der Bank, Roman im Tor? Auch das ist anhand rein statistischer Daten wohl nur schwer zu belegen, die Zahlen sagen schließlich nichts aus über die Qualität des gegnerischen Angriffs und die Form der schwarzgelben Defensive in den entsprechenden Partien. Nur anhand von Statistiken lässt sich das Problem nicht aufschlüsseln. Genauso wenig wie ein Torwart allein schuldig ist an Gegentreffern, ist er schließlich allein abhängig von seinen Vorderleuten. Denn auch diese zu dirigieren, ist seine Aufgabe.

Verlassen wir uns also lieber auf das, was wir selbst sehen. Und da fällt zu allererst auf: Roman Weidenfeller ist im Leistungstief. Zwei Jahre lang, seit er den Konkurrenzkampf mit Guillaume Warmuz für sich entscheiden konnte, glänzte der inzwischen 27jährige mit starken Paraden und beinahe im Alleingang gewonnen Spielen. Patzer, wie sie dem ehrgeizigen Weidenfeller in der Anfangszeit beim BVB des Öfteren unterlaufen waren, kamen praktisch nicht mehr vor, für die häufig jung und unerfahren auftretende Borussia-Mannschaft fungierte er als Fels in der Brandung. Ein sicherer Rückhalt, auch wenn es im Strafraum lichterloh brannte. Beim Fachblatt Kicker avancierte Weidenfeller so zwei Jahre hintereinander zum notenbesten Torwart der Liga, und auch für die Torwartnachfolge in der Nationalmannschaft besaß er gemeinsam mit Robert Enke die besten Karten.

Doch Jogi Löw entschied sich zunächst für Robert Enke und spätestens nach der Entlassung Bert van Marwijks bröckelte auch Roman Weidenfeller Leistungskonstanz. Immer wieder offenbarte er in der Rückrunde der abgelaufenen Spielzeit kleinere und größere Unsicherheiten, die er später mit dem unter Jürgen Röber fast nicht existenten Torwarttraining begründete.

Doch das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Gemeinsam mit den immer häufiger auch auftretenden Unbeherrschtheiten dürften die schwankenden Leistungen viel eher in der Frustration durch die Nichtberücksichtigung bei der Nationalelf sowie die desaströsen Dortmunder Leistungen in eben jenem Zeitraum begründet sein. Die Übermotiviertheit war Weidenfeller in diesen Spielen deutlich anzumerken, doch sie führte ihn geradewegs die Leistungstreppe hinab, derweil in punkto Nationalelf andere Torhüter den umgekehrten Weg einschlugen. Manuel Neuer, aber auch René Adler zogen in der Zwischenzeit an ihm vorbei.

Zwar hat sich Roman zum Saisonende hin gefangen, doch die einstmals bekannten Topleistungen sind seltener geworden, und auch in der aktuellen Spielzeit ist er bislang sicher noch nicht den eigenen Erwartungen gerecht geworden. Das ist umso ärgerlicher, als dass das Torwartkarussel bei der Nationalelf spätestens nach der Europameisterschaft im kommenden Jahr kräftig in Schwung kommen dürfte. Jens Lehmann wird dann voraussichtlich seinen Posten räumen, schon heute sind weder er noch Stellvertreter Hildebrand in ihren Vereinen unumstritten. Doch für den Kampf um die Plätze 1-3 im deutschen Tor ist Roman Weidenfeller aktuell ins Hintertreffen geraten. Als fußballerisch eher mäßig mitspielen könnender Torwart hat er es ohnehin schon schwer genug, mit schwankenden Leistungen und einer immer wieder aufblitzenden Schwäche in der Strafraumbeherrschung werden die Bemühungen um den Adler auf der Brust jedoch beinahe aussichtslos.

Doch aufgepasst: Sprechen wir heute über ein Leistungstief Weidenfellers, dann bewegen wir uns trotzdem weit entfernt von den Zeiten, in denen Roman von einem unsäglichen Kanonenblatt den noch unsäglicheren Spitznamen „Weidenfehler“ verpasst bekam. Roman ist auch in aktuell schwächerer Form noch keineswegs ein Risiko für die Mannschaft. Er bringt nicht die Leistung, die wir Fans von ihm gewohnt sind – und die sicher auch er selbst von sich beansprucht. Doch das, was er auf dem Rasen zeigt, ist immer noch guter Bundesligadurchschnitt.

Anstatt eine Pseudodiskussion um seinen Stammplatz zu führen, sollten wir uns also besser darauf verlagern, Roman auf seinem Weg zurück zu alter Stärke zu unterstützen.
Mit seinen Leistungen in den vergangenen Jahren für Mannschaft und Verein hat er diesen Vertrauensvorschuss mehr als verdient.

Schon morgen gegen den HSV kann sich für Roman Weidenfeller dann ein kleiner Kreis schließen. Als er vor drei Jahren sein erstes Spiel nach längerem Bankdrücker-Dasein absolvierte und damit den Grundstein für den späteren Höhenflug zwischen den Pfosten legte, waren es auch die Hamburger, die im Westfalenstadion gastierten. Debütant auf der anderen Seite damals – und vielleicht mehr als eine Ironie des Schicksals: Thomas Doll.

Vielleicht stellt das Spiel morgen also erneut einen Wendepunkt in Weidenfellers Leistungskurve dar. Dann wird aus Roman auch schnell wieder ein Bestseller.