Mein erster Stadionbesuch (#2)

Sie sangen »Scheiß Katholiken!«

Als Neunjähriger wurde der arglose Dirk Gieselmann von seinem Vater erstmals in ein Fußballstadion mitgenommen – und geriet in einen seit 500 Jahren tobenden Glaubenskrieg. Doch ihm gelang die Flucht. Hier sein erschütternder Bericht.

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Am Tag des Herrn standen auf einem Wall entlang der Seitenlinie, unter Trauerweiden, zwei Dutzend Anhänger des SV Atlas Delmenhorst, trugen grüne Gummistiefel und sangen: »Scheiß Katholiken!«

Es war ein Sonntag im Herbst des Jahres 1987, als mein Vater mich nicht nur zum ersten Mal zum Fußball mitnahm, ins Heinz-Dettmer-Stadion des TuS Blau-Weiß Lohne, sondern mich auch in einen Glaubenskrieg hineinzog, der hier, im Oldenburgischen, seit beinah fünfhundert Jahren tobte. Delmenhorst, plattdeutsch »Demost«, 70 Kilometer von Lohne entfernt, ist mehrheitlich protestantisch. Ich meine, die Atlas-Fans hätten Mistgabeln und brennende Fackeln dabei gehabt, aber vielleicht trügt mich mein Gedächtnis. Papa biss in die Halbzeitbratwurst und raunte: »Kerl, hier ist was los!« Die Delmenhorster sangen »Scheiß Katholiken!« – und hörten nicht mehr auf.

Was wusste ich, damals neun Jahre alt, von Hass?

TuS Blau-Weiß Lohne gegen SV Atlas Delmenhorst, das muss ein Hassduell gewesen sein. Aber was wusste ich, damals neun Jahre alt, von Hass? Ich spürte nur, dass mein Vater ziemlich angespannt war und sogar bereit, auf seine Lieblingssendung, den »Internationalen Frühschoppen« mit Werner Höfer, zu verzichten, um frühzeitig im Stadion zu sein. Schweigend fuhren wir im VW-Santana durch das Moor, das Lohne von Diepholz und die Katholiken von den anderen trennt. Im Radio lief die NDR-»Plattenkiste« mit Lutz Ackermann. Erkennungsmelodie: »Rovers Return« von The Korgis. Ich schaute aus dem Fenster: Kühe.