Liverpool bringt uns den Glauben an den Fußball zurück

Stadt der Träumer

Der FC Liverpool gewinnt ein Fußballspiel, das unmöglich zu gewinnen schien. Und gibt Millionen von enttäuschten Verliebten den Glauben an das Spiel zurück.

imago images

Als alles vorbei war, als der FC Liverpool den FC Barcelona nach einem 0:3 im Hinspiel tatsächlich mit 4:0 besiegt hatte, als sich Spieler und Trainerstab gemeinsam in den Armen gelegen hatten, um mit der Anfield Road »You'll never walk alone« zu singen, als die Kameras zum x-ten Mal das T-Shirt von Mo Salah (»Never give up«) gezeigt hatten und Jürgen Klopp James Milner hochgehoben hatte, wie ein stolzer Papa seinen Erstgeborenen, als man gerade mal durchpusten wollte bei so viel Spektakel, Sensation und großen Gefühlen, schmiss der Stadion-DJ einfach noch eine Packung Grillanzünder in dieses lodernde Feuer der Liebe. »Imagine«, jenen Song, den der gebürtige Liverpooler John Lennon im Frühjahr 1971 an einem weißen Flügel in seinem Schlafzimmer komponiert hatte.

Imagine all the people
Sharing all the world
You, you may say I'm a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you will join us
And the world will live as one



Nenn mich einen Träumer. Aber ich bin ja nicht alleine. Und noch während der vielleicht berühmteste Sohn der Stadt in Englands Nordwesten von all den Menschen sang, während die Helden und Verlierer langsam die grüne Bühne verließen, während man ein letztes Mal von Klopps gigantischem Zahnpasta-Grinsen geblendet wurde, fingen die Fans beider Lager an, sich gegenseitig zu applaudieren.

Die aus Barcelona, weil sie zwar Zeuge einer der schlimmsten Niederlagen in der Geschichte ihres doch eigentlich so ruhmreichen Klubs geworden waren, aber eben auch eines der unglaublichsten Comebacks der Champions-League-Historie. Die aus Liverpool, weil sich im Siegestaumel so einfach Größe zeigen lässt, aus Mitleid für die heulenden Katalanen im Nachbarblock, und weil es dieses Spiel einfach verdient hatte, dass sich Briten und Spanier zu den Klängen von »Imagine« Herzen, Schals und Trikots zuwarfen.

»Ja, es gibt einen Verlierer heute«, sprach DAZN-Mann Alex Schlüter bewegt ins Mikrofon, »aber der große Gewinner ist der Fußball.«

Die Liste der Vergehen am Fußball ist unendlich lang

Recht hatte er, denn eigentlich geht es dem Fußball ja aktuell gar nicht gut. Zerhackte Spieltage, zerkaufte Mannschaften, skrupellose Funktionäre, eine Welt voller Träumer, ein Welt voll Kohle. Die Liste der Vergehen an diesem Sport ist unendlich lang. Wie viele treue Seelen haben sich wohl in den vergangenen Jahren vom großen Fußball abgewandt oder sind gerade dabei, sich abzuwenden? Wie viele enttäuschte Verliebte hat der Spitzenfußball, deren Vorzeigeprodukt ja eben diese Champions League sein soll, allein in den letzten fünf Jahren hinterlassen? Viel zu viele.

Und gerade dann, wenn man sich eigentlich sicher war, schon genügend angewidert zu sein von einem Spiel, an das man vor langer Zeit sein Herz verloren hat, kauft sich Cristiano Ronaldo das teuerste Auto der Welt, und man weiß nicht, ob man nun lachen, oder kotzen soll.