Felix Meininghaus im Interview

„Die gelbe Wand ist geil“

Vor seiner Karriere als Berichterstatter stand Felix Meininghaus selbst regelmäßig auf der Südtribüne des Westfalenstadions. Blogger Stefan Schwaneck sprach nun mit ihm über seinen Arbeitsalltag, den BVB und seine Fans. imago images
Felix, du bist Sportjournalist und berichtest unter anderem für 11FREUNDE über Borussia Dortmund. Wo kann man deine Texte denn sonst noch lesen?

Für 11 FREUNDE schreibe ich regelmäßig in der Kolumne '18' über den BVB und von Zeit zu Zeit ein paar längere Geschichten. Daneben schreibe ich für eine ganze Reihe Tageszeitungen, zum Beispiel den Tagesspiegel in Berlin, die Financial Times in Hamburg, die Frankfurter Rundschau, die Stuttgarter Zeitung, den General Anzeiger in Bonn oder den Weserkurier. In erster Linie schreibe ich über den BVB, hin und wieder aber auch über Schalke, den VfL Bochum, Arminia Bielefeld, den MSV Duisburg - kurz gesagt alle Westvereine, die infrage kommen. Dazu kommen dann noch Volleyball, Beachvolleyball und Handball.

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Kannst du dir bei der Bandbreite überhaupt einen Lieblingsklub leisten?


Das ist ganz klar Borussia Dortmund! Kein anderer, und das wird sich auch niemals ändern. Ich hatte auch mal ein Leben vor dem Journalismus, und in diesem verbrachte ich sehr viel Zeit auf der Südtribüne des Westfalenstadions. Diesem Verein bin ich immer treu geblieben.

Du hast den Traumberuf vieler Fans ergriffen und stehst in der ersten Reihe, wenn es beim BVB etwas Neues gibt. Wie nah bist du wirklich am Geschehen?

Recht nah, aber nicht supernah. Kollegen wie Thomas Hennecke vom Kicker oder Sascha Fligge von den Ruhr Nachrichten sind noch ein ganzes Stück näher dran, weil sie ständig vor Ort sind.

Ist Dein Beruf wirklich so toll, wie man ihn sich vorstellt?

Für mich ist und bleibt es ein Traumberuf. Trotzdem gibt es in jedem Job Dinge, die nicht so toll sind. Das kann dir jeder Bundesligaprofi bestätigen. Selbst Traumberufe bringen eine Menge unspektakulären Alltag mit sich.

Es fällt schwer, sich eine Alltagswoche vorzustellen, wenn jemand für so viele unterschiedliche Zeitungen schreibt.

Es gibt eine normale Arbeitswoche, weil ich neben den Texten als freier Autor noch eine halbe Stelle bei einem Volleyball-Magazin in Münster habe. Vormittags bin ich dort in der Redaktion, nachmittags kümmere ich mich um die freien Geschichten. Da telefoniere ich dann zum Beispiel mit Hans-Joachim Watzke oder Michael Zorc. Am Wochenende bin ich bei den Spielen und berichte darüber. Am Wochenablauf ändert sich trotz vieler Zeitungen wenig.

Wenn Borussia Dortmund ein Heimspiel hat, beginnt der Tag für die Fans in aller Regel am frühen Morgen. Man fährt zuhause los, trifft sich mit Freunden in der Stadt auf ein Bier und bereitet sich auf ein hoffentlich gutes Spiel vor...

Das alles ist mir leider nicht mehr möglich. Wenn man das Hobby zum Beruf macht, ist es irgendwann kein Hobby mehr. Das ist der größte Nachteil. Ein Spieltag ist für mich ein ganz normaler Arbeitstag. Ich stehe früh auf, checke bvb.de, schwatzgelb.de und kicker.de, lese die Tageszeitung und mache mich dann auf den Weg ins Stadion. Für einen Zwischenstopp an der Reithalle oder dem Büdchen neben dem „Betrieb“ bleibt mir im Gegensatz zu früher keine Zeit mehr. Das mache ich heute nur noch in Ausnahmefällen, wenn ich mich mit Freunden treffe. Ich gehe ins Stadion, um zu arbeiten und nicht mehr, um zu feiern.

Zur gleichen Zeit haben die Fanabteilung und The Unity unter Block 12 und 13 ihre Büdchen aufgebaut und dienen den Fans als Anlaufstelle. Erkundigst du dich dort auch nach Neuigkeiten?

Leider nicht. Ich denke, dass es ein Versäumnis ist, und ich mich dort mehr umsehen müsste. Nur hat man für diese Dinge eben nicht immer den Kopf frei. Indirekt bekomme ich etwas über meinen Sohn mit, der mittlerweile 15 ist und immer wieder mit ins Stadion geht. Früher stand er auf der Südtribüne, jetzt ist das ohne Dauerkarte leider nicht mehr möglich. Er sitzt aber gleich nebendran und bekommt schon mit, was so bei den Fans abgeht. Das kommt mir bei der Themenfindung durchaus entgegen, da ich gerade für die 11FREUNDE immer wieder Geschichten suche, die etwas abseits liegen. Das geht deutlich über die Eins-Zu-Null-Berichterstattung hinaus, insofern bin ich über die Unterstützung direkt von der Tribüne recht dankbar.

Ein häufiger Vorwurf gegenüber Sportjournalisten lautet, dass sie keine Ahnung davon haben, worüber sie in ihren Berichten schreiben. Ist diese Kritik unfair?

Sie ist vor allem Schwachsinn. Natürlich gibt es Geschichten, die an den Haaren herbeigezogen, frei erfunden, schlecht recherchiert oder einfach total daneben sind. In der Regel wissen die Kollegen jedoch genau, worüber sie schreiben. Doch auch als Journalist muss man mal einen schlechten Tag haben dürfen. Genau wie beispielsweise Philipp Degen seine Spiele hat, in denen er nur Müll spielt. Das kommt halt vor. Grundsätzlich sind Journalisten kompetent und machen sich sachkundig. Und grundsätzlich kann Philipp Degen auch halbwegs Fußball spielen.

Einige Fans sind dennoch felsenfest davon überzeugt, Journalisten kämen erst kurz vor Spielbeginn, gingen den direkten Weg zum Buffet und setzten sich gleich im Anschluss auf den bequemen Sessel, von dem aus sie das Spiel verfolgen. Spätestens mit dem Abpfiff seien sie schon wieder verschwunden und hätten außer dem Geschehen auf dem Platz nur wenig mitbekommen. Wie kommt so ein Missverständnis zustande?

So kann man nur denken, wenn man keine Ahnung hat. Meine Kollegen von den Printmedien, Agenturen, Radio- und den TV-Sendern beschäftigen sich stundenlang mit der Materie und wissen sehr wohl, wovon sie schreiben oder reden. Für mich beginnt ein normaler Bundesligaspieltag um zehn und endet gegen 20 Uhr, wenn ich wieder nach Hause fahre.

Du schreibst deine Artikel noch direkt vor Ort?

Ja, die aktuelle Berichterstattung für die sonntags erscheinenden Zeitungen wie Weserkurier, Tagesspiegel oder Sonntag Aktuell muss spätestens um 18.30 Uhr raus sein. Das heißt, eine Stunde nach Spielende muss ich fertig sein. Anschließend gehe ich noch in die Mixed Zone und schaue nach den Spielern, dazwischen liegt noch die Pressekonferenz und der Informationsaustausch mit den Kollegen. Das alles ist schon recht aufwändig.

Bei diesem engen Zeitplan bleibt bei bestem Willen keine Chance, sich nach den Vorfällen in den Fankurven zu erkundigen. Wenn noch dazu kommt, dass Fankurven und Tribünen weit entfernt von den Pressebereichen angesiedelt sind, bleibt bis auf die Eindrücke aus der Distanz kaum etwas übrig, was man über die Fans schreiben könnte. Dennoch hält das einige Reporter nicht davon ab zu berichten, was in den Blöcken so alles passiert sein soll. Woher stammen diese Informationen?

Das sind meist Dinge, die man im Stadion mitbekommt. Wenn das Publikum die Mannschaft auspfeift, den Trainer mehrheitlich als Vollidiot bezeichnet und seinen Rausschmiss fordert, kann man das kaum überhören. Wenn aufgebrachte Fans wie beim legendären Spiel gegen Leverkusen hinter der Trainerbank auftauchen, kriegt man das sehr gut mit. Dazu kommt, dass die meisten Berichterstatter eine Vorgeschichte haben. Wir haben eine gewisse Antenne für derartige Dinge. Und es ist ja nicht so, dass wir keinerlei Kontakt zu Fans hätten. Ich zum Beispiel habe viele Freunde und Kollegen, die sich intensiv mit Borussia Dortmund, Arminia Bielefeld oder Schalke 04 auseinandersetzen. Über die bleibe ich immer auf dem Laufenden, das ist im Prinzip ganz normale Recherchearbeit. Sicher sind wir nicht so weit weg von den Fans, wie einige zu wissen meinen. Das ist ein völlig falscher Eindruck! Dennoch: Es wird seine Gründe haben, dass das Auftreten von Journalisten als arrogant wahrgenommen wird. Irgendwoher muss diese Meinung ja kommen.

Mitunter hat man den Eindruck, eine unglückliche Formulierung in einem Halbsatz habe mehr Gewicht als der Rest eines sonst gelungenen Artikels...

Genau da beginnt die falsche Wahrnehmung: Nur weil man mal schreibt, dass Christian Wörns mit einem Fehlpass das Gegentor verbockte, obwohl tatsächlich Robert Kovac der Schuldige gewesen ist, heißt das doch noch lange nicht, dass man keine Ahnung hat. Das sind Fehler, die passieren. Wenn jemand 300 oder 350 Informationen gleichzeitig zu verarbeiten hat, und davon dann eine oder zwei falsch sind, macht das einen Artikel noch lange nicht schlecht. Manch einer macht es sich diesbezüglich in der Wertung zu einfach.

Vor rund einem Jahr kam es beim Pokalspiel in Thannhausen zu einem außergewöhnlichen Zwischenfall. Eine Stahlrohrtribüne hielt dem Gewicht der Fans nicht stand, in Absprache mit den Ordnern wurden die zum Sicherheitsrisiko gewordenen lockeren Sitzbänke heraus gereicht und neben der Tribüne abgelegt. Bereits wenige Stunden nach dem Spiel konnte man die ersten Meldungen lesen, „Dortmunder Hooligans“ hätten die „Gastfreundschaft der Amateure mit Füßen getreten“, den beschaulichen Ort „verwüstet“ und nichts als „verbrannte Erde“ hinterlassen. Nur bei den Gastgebern hatte offensichtlich keiner nachgefragt - die sprachen die Dortmunder Fans von jeder Schuld frei und bedankten für die „hervorragende Organisation“ der Fanabteilung und das „vorbildliche Verhalten“ der Gäste.

Ich war bei diesem Spiel nicht dabei, kann also nur auf Informationen aus zweiter Hand zurückgreifen. Offensichtlich waren die gezeigten Bilder irreführend und einige Kollegen haben nicht ausreichend recherchiert. Damit will ich jedoch nicht unterstellen, dass Journalisten absichtlich und wider besserem Wissen falsch berichtet hätten.

Das wollte ich damit auch keinesfalls zum Ausdruck bringen. Meines Erachtens unterstreicht dieser Fall aber genau das, was du zuvor im Detail beschrieben hast: der Zeitdruck war groß, die optischen Eindrücke schienen eindeutig. Dass sich die Situation 50 Meter weiter jedoch ganz anders abgespielt hatte, konnte keiner ahnen. Im Ergebnis stand eine simple Fehleinschätzung, die man mit einer kurzen Korrektur problemlos hätte gerade rücken können. Leider konnte sich mit Sascha Fligge nur ein einziger Reporter zu diesem mutigen Schritt durchringen, während einige andere sogar noch nach legten und die Richtigstellung der Fanabteilung als Schönfärberei der wilden Exzesse bezeichneten.

Das spricht erst einmal für Sascha Fligge, der ein guter Journalist ist. Vielleicht gingen die Berichte auf fehlerhafte Meldungen der Nachrichtenagenturen zurück, die für einen sehr hohen Multiplikationsfaktor sorgen. Mir ist nicht bekannt, was dpa und sid zu diesem Spiel geschrieben haben. Wenn die Meldung eines Nachrichtendienstes bei einer Zeitungsredaktion eingeht, kann diese davon ausgehen, dass die Meldung richtig ist. Das ist in aller Regel auch der Fall, weshalb man niemandem einen Vorwurf machen kann, der einer solchen Meldung Vertrauen schenkt. Ich persönlich mache mich bei Fanthemen oft bei schwatzgelb.de kundig, weil ich weiß, dass Ihr nicht das Sprachrohr des BVB seid. Ihr steckt mitten drin im Geschehen und nehmt eine kritische Haltung ein, in der ihr euch nicht davor scheut, auf Distanz zu gehen, wenn die Dinge in eine falsche Richtung laufen. Das halte ich für wichtig und glaubwürdig.

Mit der Glaubwürdigkeit sprichst du eine wesentliche Eigenschaft an, die man als Journalist nie verlieren sollte. Wie verhält es sich damit, wenn Fans immer öfter den Eindruck haben, zur Auflagensteigerung in das Klischee der brutalen Fußballrowdies gepresst zu werden?

Da müsste man vielleicht mal bei Bild nachfragen. Die Süddeutsche und andere sind hingegen alles andere als Krawallzeitungen und berichtet sehr vernünftig. Dort geht es nicht um die spektakulärsten Berichte, sondern um die Wahrheitsfindung, die den Autoren ein echtes Bedürfnis ist. Es lohnt also, genau zu unterscheiden, mit wem man es zu tun hat, wie man deutlich an der Verwendung von Bildern erkennen kann. Wenn man die unsauber beschreibt und damit falsche Eindrücke erzeugt, ist das ein klares Zeichen für handwerkliche Schwäche.

Gleiches gilt für die häufige Verwendung altbekannter Klischees. Die bekam man nach Bekanntgabe der WM-Austragung in Deutschland aber beinahe täglich aufs Brot geschmiert, als sich Politiker und Medien mit Horrorszenarien gegenseitig überboten. Es wurde ein Bild von Fußballfans gezeichnet, das dem von Schwerverbrechern teilweise sehr nahe kam und damit unweigerlich die Polizei auf den Plan rief. Mithilfe des politischen Rückenwinds konnten weitreichende Maßnahmen ergriffen werden, die moralisch bedenklich und in vielen Bereichen maßlos überzogen waren. Doch obwohl den Medien in regelmäßigen Abständen Berichte über die unwürdige und skandalöse Behandlung normaler Fans zugespielt worden waren, fanden diese nur selten Eingang in die aktuelle Berichterstattung. Trifft der Vorwurf der aktiven Stimmungsmache durch die Medien zu?

Diese Sichtweise ist teilweise richtig. Seit dem Zeitpunkt, als die WM-Austragung in Deutschland bekannt geworden war, überstieg die Fußballbegeisterung selbst die höchsten bis dahin bekannten Grenzen. Der Sport rückte wie nie zuvor in den Mittelpunkt der Gesellschaft und wurde zum Politikum. Mit dieser Stimmungsmache ist gespielt worden, von einigen Medien sogar extrem. Dass das nicht korrekt war, sehe ich genauso. Andererseits sind auch einige brisante Themen auf die Titelseiten gespült worden, für die es vorher noch keine Öffentlichkeit gab. Hier denke ich beispielsweise an die Problematik der No-Go-Areas, die mit dem Hintergrund der WM ganz anders wahrgenommen wurde: Deutschland stand im internationalen Fokus und wollte sich als weltoffener Gastgeber präsentieren, da musste man diese Dinge viel sensibler als zuvor angehen. Die Fanszene im Allgemeinen - und da gebe ich dir Recht - ist dabei zu schlecht weggekommen.

Als die WM dann erstmal lief...

... ist das Ganze total ins Gegenteil umgekippt.

Über Nacht war das Thema Gewalt im Fußball vergessen, dafür schwärmte aber jeder vom friedlichen Fußballfest. Die ganze Welt lag sich pausenlos in den Armen, die Polizei war zu allen möglichen Späßen bereit und die Legende vom „grün-weißen Partybus“ machte die Runde. Mit der Realität hatte das aber nur begrenzt etwas zu tun, wie die BBC-Dokumentation „Germany 2006 - The Untold Story“ eindrucksvoll belegt.


Du kannst die Geschichte sogar noch weiter drehen: kaum war die WM vorbei, ist es wieder ins andere Extrem gekippt. Da kam plötzlich der böse Fan wieder zum Vorschein, die Verwandlung war purer Wahnsinn. Der Fußballfan in der öffentlichen Wahrnehmung war während der WM nicht mehr der glatzköpfige, fette, verschwitzte und stinkende Mann, sondern eine junge, schöne, bemalte und bunt drapierte Frau. Und gleich nach der WM wurde wieder der schwitzende, stinkende, grölende und tätowierte Fettsack ins Bild gerückt.

Hätte man sich dem herrschenden Trend nicht verweigern können?

Als guter Journalist, klar. Man sollte sich nie instrumentalisieren lassen. Das lässt sich zwar nicht immer vermeiden, man sollte aber wachsam sein und vorsichtig damit umgehen.

Die wachsende Skepsis gegenüber der medialen Berichterstattung und überzogenen Sicherheitsmaßnahmen führte zur Gründung zahlreicher Fanverbände und Zweckbündnisse. Anhänger rivalisierender Vereine schlossen sich zusammen und deckten im Wochentakt neue Missstände auf, die zum Teil jahrelang verschwiegen und von offizieller Stelle geleugnet worden waren. Als Extrembeispiel diente die Datei Gewalttäter Sport, die sich schnell zum Druckmittel gegen unliebsame Fans entwickelt hatte. Bis heute reicht laut den jeweiligen Polizeigesetzen reine Spekulation über zukünftige Störungen für einen Eintrag in der Datei aus. Beweise oder zumindest Indizien müssen im Sinne größtmöglicher „Gefahrenabwehr“ nicht vorliegen. War dir die Dimension staatlicher Kontrolle schon vor der Aufklärung durch die Faninitiativen bewusst?

Ich habe lange nichts über derartige Probleme gehört, obwohl das angespannte Verhältnis zwischen Fans und Polizei grundsätzlich nichts Neues ist. Das konnte schon vor 30 Jahren nicht als ungetrübt bezeichnet werden. Dieser Dauerkonflikt hat zwei Ursachen: Einerseits haben die extremen Fans schon immer gepöbelt, randaliert und sich auch sonst daneben benommen. Andererseits hat die Obrigkeit überreagiert und Fans regelrecht diskriminiert. Sich in Initiativen und Bündnissen zusammenzuschließen, war und ist eine sehr gute Idee. Allein schon, um Feuer aus der Sache zu nehmen und sich aufeinander zuzubewegen. Schließlich ist die Fankultur an sich etwas sehr Schönes! Das ist eine interessante Kultur, die sich selbst pflegt, gleichermaßen aber von außen gepflegt und erhalten werden muss. Ich bin der größte Fan der gelben Wand, für mich ist sie immer noch das Tollste, was der BVB zu bieten hat. Es liegt mir sehr am Herzen, dass diese Kultur fortbesteht, doch dazu müssen alle Beteiligten mit Augenmaß an die Sache herangehen. Dabei können Initiativen helfen, selbst wenn es nur darum geht, den Bau reiner Sitzplatzstadien zu verhindern. Der einzelne Fan wird nicht gehört, eine organisierte Gruppe dagegen sehr wohl.

Wie reagierten die Medienvertreter auf das Erstarken der Fanszene?

Die Presse hat das sehr sensibel wahrgenommen. Für die Fans war das natürlich positiv, weil sie Gehör fanden, nachdem sie zuvor über viele, viele Jahre hinweg isoliert waren. Früher gingen sie ins Stadion und feuerten ihre Mannschaft an, waren teilweise aber nur Folklore für Sponsoren, die mit großem Publikum leichter anzulocken sind. Fans hatten keine Lobby, doch das hat sich geändert. Heute sind sich die Fans ihrer Macht bewusst und formulieren ihre Anliegen deutlich. Das ist wünschenswert, weil Fans ein wichtiger Bestandteil des Fußballs sind. Bis vor kurzem war das nur eine Floskel der Funktionäre, mittlerweile müssen sie die Fans ernst nehmen.

Dieser Wandel ist an zahlreichen Anhängern jedoch vorbeigegangen, bei denen sich der Irrglaube „Fans haben keine Lobby“ noch immer größter Beliebtheit erfreut. Wie lassen sich derartige Fehleinschätzungen interpretieren?

Die neue Entwicklung hat sich vor wenigen Jahren eingestellt, das ist alles sehr schnell gegangen. Die Fehleinschätzung entsteht dadurch, dass die Fans die Veränderungen selbst erst einmal realisieren müssen. Sie sind beinahe über Nacht zu einem Machtfaktor im Millionengeschäft Berufsfußball geworden! Wie lange gibt es zum Beispiel die BVB-Fanabteilung? Noch nicht einmal fünf Jahre. Was da passiert ist, hat noch lange nicht jeder verstanden, obwohl die Macht einer eigenen Abteilung den Verein entscheidend verändert hat. Der BVB besteht heute nicht mehr nur aus Fußball, Tischtennis und Handball, sondern hat die Fans als zahlenmäßig größte Gruppe mit erheblichem Einfluss ausgestattet. Wie weit der gehen kann ist vergangene Saison in Bremen offenbar geworden. Die Anhänger waren stinksauer, dass sich Miroslav Klose wenige Tage vor einem wichtigen Uefa-Pokal-Spiel hinter dem Rücken des Vereins zu Verhandlungen mit den Bayern getroffen hat. Klose hatte die Bremer an der Nase herum geführt, das Publikum hat ihn dafür wegemobt. Am Ende hat Klose den Verein auch deshalb verlassen, weil die Fans ihn nicht mehr wollten! Ein ähnliches Beispiel gibt es aus Dortmund. Dort haben die BVB-Fans zusammen mit der Presse die Verpflichtung Ailtons verhindert. Als Watzke und Zorc nach dem Abschiedsspiel von Julio Cesar erklärt hatten, Ailton holen zu wollen, wehrten sich die Fans vehement gegen den Einkauf eines Bilderbuch-Söldners. Sie artikulierten sich dermaßen stark, dass Watzke und Zorc kalte Füße bekamen und Abstand nehmen mussten. Natürlich würden die beiden das nie zugeben und klar stellen, dass sie sich von den Fans nicht unter Druck setzen lassen und deren Meinung keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen hat - de facto ist es aber genau so gewesen.

Großen Wirbel gab es auch um das seltsame weiß-gelbe Trikot. Im Eifer des Gefechts leistete sich Watzke verbale Fehltritte, für die er sich entschuldigen und nach herber Kritik bei einer Fanversammlung erklären musste.

Der neuen Rollenverteilung müssen sich die handelnden Personen erst einmal bewusst werden. Man darf Watzke ruhig kritisch sehen, doch er ist und bleibt ein schlauer Mensch. Er weiß genau, dass er an den Fans nicht vorbeikommt und nicht einmal dann selbstherrlich agieren könnte, wenn er es wollte. Watzke muss den Konsens suchen, weil es sich bei den Fans um einen großen Teil der zahlenden Klientel handelt. Tatsächlich ist es komplizierter: Die zahlende Klientel besteht nämlich nicht aus Kunden, sondern aus Fans. Diese Fans wiederum sind Borussia Dortmund! Wer sich darüber hinwegsetzt, ist borniert und begeht einen schweren Fehler.

Die Fans haben dank ihrer Organisation also großen Einfluss?

Das wäre vielleicht etwas viel, doch sie haben Einfluss, und dieser Einfluss wächst. Die handelnden Personen haben jedoch immer noch am meisten zu sagen.

Bei LaOla werden bengalische Fackeln und komplett brennende Fanblöcke seit Jahren als „südländische Atmosphäre“ bejubelt, in Deutschland ist man mit Käsebrötchen oder Tampon am Blockeingang potenzieller Wurfgeschossbesitzer. Wie lange muss der Einfluss noch wachsen, bis man derartige Themen auf einer Titelseite lesen kann?

(lacht) Da muss man die Kollegen beim DSF verstehen: Bengalische Fackeln liefern einfach richtig gute Bilder, das ist Folklore pur! Der Sicherheitsaspekt ist ein anderer. Ich kann nicht beurteilen, was möglich ist und wo das Sicherheitsrisiko beginnt. Doch wenn sich Fans diskriminiert und gegängelt fühlen, sind sie heute in der Lage, sich entsprechend zu artikulieren und zu wehren.

Vor wenigen Tagen fand ein Freundschaftspiel des BVB gegen die SG Wattenscheid statt, bei dem Fans mit Stadionverbot auf Rat der Polizei der Zutritt zum Spiel verweigert wurde. Welche Rolle nimmt hier die Polizei ein? Ist es wirklich notwendig, selbst bei völlig unbedeutenden Spielen wie gegen Victoria Köln oder eben Wattenscheid mit einem Großaufgebot zu erscheinen?

Wenn Fans mit einem Stadionverbot belegt worden sind, weil sie gefährlich sind, gilt dieser Ausschluss natürlich auch für Freundschaftsspiele, auch wenn sie nicht die Bedeutung von einem Revierderby haben.

Mir fällt es schwer, diese Empfehlung nachzuvollziehen, da ich noch nie von Krawallen oder sonstigen Zwischenfällen gehört habe, die man auf Fans mit Stadionverbot hätte zurückführen können. Hat es so was denn schon mal gegeben?

In den 1970-er und 1980-er Jahren war das Gewaltpotenzial mit der „Borussenfront“ schon sehr groß, aber heute haben die Dortmunder Fans eigentlich ein ganz anderes Image. Sie gelten schon lange nicht mehr als gewaltbereit, die großen Fangruppen lehnen Gewalt offenkundig ab. Ich weiß nicht, ob die Polizei bei den Stadionverboten, die es heute gibt, konkrete Verdachtsmomente hat oder ob es sich um Gängelei handelt.

Die Dortmunder Ultragruppierung The Unity reagierte auf den Ausschluss und gab bekannt, aus Solidarität zu ihren ausgeschlossen Freunden nicht zum Testspiel zu erscheinen. Andere Fans wurden dazu aufgerufen, ein Zeichen zu setzen und es Gruppe gleich zu tun.

Das ist das Recht der Fans und genauso legitim, wie eine Reaktion des Vereins auf derartige Kritik.

Welche Druckmittel stehen den Fans zur Verfügung, um auf ihre Behandlung aufmerksam zu machen?

Die wirksamste Waffe ist ganz klar die Verweigerung. Keine Fans bedeutet keine Atmosphäre und vor allem keine Kohle! Wenn The Unity der Meinung ist, dass Unrecht geschieht, dann werden sie über die Fanabteilung bis nach oben durchgelassen. Es handelt sich nicht mehr um einen Kampf, der im Verborgenen stattfindet oder der keinen mehr interessiert. Die Lobby der Fans ist so groß, dass derartige Dinge geprüft und wahrgenommen werden.

Werden sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Noch nicht genügend, aber es bessert sich.

Wie sehen Deine Kontakte zur Dortmunder Fanszene aus und wie intensiv verfolgst du das Geschehen?

Ich bin weitgehend raus und habe nur noch losen Kontakt zur Fanszene, dort aber vor allem zu den Fanvertretern. Die melden sich hin und wieder auch mal bei mir, wenn sie ein Anliegen haben oder mich auf eine besondere Aktion hinweisen möchten, bei der sie Unterstützung brauchen. Im Januar gab es zum Beispiel eine große Choreografie gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass, mit der die Fanabteilung ein Zeichen setzen und die Plattform einer Liveübertragung im Free-TV nutzen wollte. Ein paar Tage später hat mich Reinhard Beck angerufen und gesagt: „Das war eine große Aktion, die viel Arbeit gemacht hat und für uns sehr wichtig war. Trotzdem berichtet keiner darüber, das ist jammerschade.“ Er hatte Recht, weshalb ich dann in 11FREUNDE darüber geschrieben habe. Bei Dingen, die in die Öffentlichkeit getragen werden: wenn es um Fanbelange geht, ist Olaf Suplicki ein besserer Ansprechpartner als Zorc oder Watzke. Auch Eure Website hilft mir da bei der Recherche.

Stichwort Fanbelange: Vor drei Monaten fand in Leipzig der erste DFB-Fankongress statt, auf dem die Fans in Arbeitsgruppen mit anderen Akteuren Konzepte für eine bessere Zusammenarbeit und Konfliktvermeidung erarbeitet haben. Wie viel ist von diesem Treffen in der öffentlichen Wahrnehmung hängen geblieben?

Dass die organisierten Fans auf Missstände hingewiesen haben. Da waren viele der Dinge dabei, die du schon genannt hast: Fans werden gegängelt, Stadionverbote vorschnell ausgesprochen und selbst bei sachlichem Nachweis der Unschuld nicht zurückgenommen, und so weiter und so fort. Das ist schon sehr explizit rübergekommen, und zumindest offiziell hat sich Herr Zwanziger aufgeschlossen gezeigt. Er hat dabei keinen bornierten Eindruck hinterlassen und deutlich gemacht, dass er sich für diese Probleme interessiert. Ob er hinter verschlossenen Türen genauso denkt, weiß ich allerdings nicht.

Zwanziger soll laut Spiegel Online gesagt haben, er hätte von vielen Problemen erstmals gehört, die ihn doch sehr überrascht und schockiert hätten...

Das kann ich mir gut vorstellen, und man sollte ihm das nicht unbedingt zum Vorwurf machen. Man muss sich den Prozess als Spirale vorstellen: Fans organisieren sich, schaffen sich eine Lobby, finden über diese Lobby Gehör und kommen dann bei den Funktionären an. Die hören erstmal zu, ergreifen eventuell Maßnahmen und stellen im besten Fall Probleme ab. Vor kurzem sah das noch anders aus: Die Fans waren unorganisiert, niemand hörte ihnen zu.

Sind die Sorgen der Fans bei den Meinungsführern angekommen?

Ich hoffe schon. Ich habe die Berichterstattung aufmerksam verfolgt und als recht prominent empfunden.

Welche Rolle spielt die Filterfunktion des Umfelds der Funktionäre und betroffenen Politiker? Wie viel wird dort abgeblockt?

Auch hier findet ein Prozess statt: Am Anfang ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass diese Themen geblockt werden. Auf Dauer kann sich kein Politiker und kein Funktionär dieser Welt mehr den Luxus leisten, sich den Dingen kategorisch zu verschließen. Das liegt schon daran, dass die Fans deutlich machen, wie sehr sie sich ihrer Macht bewusst sind, und dass sie nicht davor zurückschrecken, diese Macht auszuüben. Bei Nichtbeachtung wird über Machtdemonstration Aufmerksamkeit erzeugt.

Beinahe hätte es schon vor einigen Jahren mit dieser Aufmerksamkeit geklappt. Bundespräsident Johannes Rau war damals so überrascht von den Berichten der Anhänger, dass er eine Fandelegation ins Schloss Bellevue bat und eine Schlichtung des schwelenden Konflikts vorantreiben wollte. Einige Zeit später versprach Innenminister Otto Schily die Einrichtung einer Ombudsstelle zur Klärung schwebender Stadionverbote. Getan hat sich bis heute nichts.

Diese Stelle ist nicht eingerichtet worden?

Nein. Massive Proteste folgten zwar, Reaktionen gab es aber keine mehr.

Das ist schon hart. Wenn man nicht mal mit dem Bundespräsidenten im Rücken etwas bewegen kann, muss man sich wirklich Sorgen machen.

Kommen wir zum letzten Teil unseres Gesprächs, dem Verhältnis zwischen Sponsoren und Fans. Wie sieht das aus deiner Sicht aus?

Eher schlecht. Durch die wachsende Kommerzialisierung ist das in den letzten Jahren immer weiter auseinander gedriftet. Ich denke, dass sich kein wirklicher Fan damit identifizieren kann - genauso wenig wie ich - wenn Stadionnamen verkauft werden. Ich weigere mich bis heute Signal-Iduna-Park zu schreiben, weil ich das ganz furchtbar finde. Westfalenstadion darf ich nicht mehr verwenden, dann meldet sich der Pressesprecher Josef Schneck bei mir. Also bleibe ich neutral und schreibe „vor 83000 Zuschauern im Dortmunder Stadion“. Die Fans mögen die Sponsornamen nicht, in Dortmund haben das allerdings toleriert, weil es dem Verein dreckig ging und das Geld dringend gebraucht wurde. Es war das kleinere Übel im Vergleich zum Konkurs. Wenn man aber sieht, dass in Hamburg der Name schon zum zweiten Mal verkauft worden ist, ist das keine schöne Tendenz. Vor rund einem Jahr gab es dazu ein gutes Interview mit Peter Müller von der WAZ in 11FREUNDE zu lesen, in dem sich der Redakteur ganz klar gegen die Nennung von Sponsorennamen aussprach. Damals hatte sich die Chefredaktion der WAZ nach Rücksprache mit dem Verlag entschieden, keine Werbung in Artikeln zuzulassen und die Namen entsprechend auszublenden. Wenn die Unternehmen Werbung schalten wollen, so die Meinung, sollen sie dafür bezahlen wie alle anderen auch. Tradition ist im Fußball nun mal ein hohes Gut, mit dem man verantwortungsvoll umzugehen hat. Ich denke, dass die Sponsoren dieses Auseinanderdriften registriert haben und - das ist mein persönlicher Eindruck, und den bitte ich mit Vorsicht aufzunehmen - teilweise versuchen, mit fanfreundlichen Aktionen entgegenzusteuern, um diese Kluft zu überwinden. Das scheint anzukommen, wie mir Gespräche gezeigt haben. Es ist ja auch schön ein Trikot geschenkt zu bekommen und das Gefühl zu haben, dass der Sponsor an einen denkt. Selbst, wenn er primär natürlich andere Ziele verfolgt. Auf alle Fälle sah die gelbe Wand beim Spiel gegen Werder mit all den neuen Trikots noch schöner aus als sonst.

Vielen Dank für das lange und aufschlussreiche Gespräch, Felix Meininghaus!