Dortmund enttäuscht

Von Eiszeiten und Schonzeiten

„Am Samstag können wir zeigen, dass auch wir in der Bundesliga angekommen sind.“ Die Aussage, ein offizielles Statement unseres Trainers in der Woche vor dem Revierderby, klingt nach dem traurigen Gastspiel in Gelsenkirchen wie blanker Hohn. Die Mannschaft präsentiert sich zu Saisonbeginn, als möchte sie nahtlos an die nie für möglich gehaltene Krisensaison aus dem Vorjahr anknüpfen. Mal ehrlich, der Fehlstart in die Saison erwischt den Verein auf dem völlig falschen Fuß. Mit der neuen Lichtgestalt Thomas Doll wähnte man sich auf einem anderen Weg. Ins Schwärmen gerät bei diesen Vorstellungen wohl niemand mehr.
Das ist kein plötzlicher Einbruch, nicht die Summe unglücklicher Faktoren, die eine Mannschaft auch mal aus der Bahn werfen können und das ist nicht die Schwächperiode, die jede Mannschaft im Laufe einer Saison mal durchlebt. Was die Mannschaft in den letzten sieben Tagen in der Bundesliga geboten hat macht (nicht nur mir) Angst und treibt dem Umfeld die Sorgenfalten auf die Stirn.

Die Auftritte der Mannschaft daheim gegen Duisburg und in Gelsenkirchen lassen tiefere Ursachen vermuten. So präsentiert sich keine halbwegs gefestigte Einheit. Sieben Gegentreffer in zwei Spielen sprechen da eine mehr als deutliche Sprache. Vielleicht ist es bereits jetzt an der Zeit, einige Sachen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Um das Feld der Ursachenforschung zu Beginn etwas einzugrenzen, sollte man sich vielleicht erst einmal auf 3 ganz wichtige Punkte beschränken. In chronologischer Reihenfolge wären das einige Randaspekte der letzten Spielzeit, die hoffnungsvollen Neuzugänge in der Sommerpause und die mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Arbeit von Thomas Doll. Die Spurensuche führt uns erst einmal zurück in die Saison 2006 / 2007.
Nimmt man den 12.05.2007 mal aus - der Derbysieg hat offenbar vieles unter den Teppich gekehrt - ist die Bilanz von Thomas Doll eher durchwachsen. Gestartet mit einem leistungsgerechten Remis gegen harmlose Nürnberger, folgte die erste Ernüchterung bereits 14 Tage später auf der Bielefelder Alm. Es schien, als hätte die Mannschaft die Reißleine bereits aus der Hand gegeben. Der Auftritt in Ostwestfalen war erschütternd, gemeinsam mit dem Spiel in Mainz der sportliche Tiefstpunkt der letzten Jahre.

Der Rest bis zum Ende dieser Horrorspielzeit ist schnell erzählt. Überbewertete Siege gegen sportliche Zwerge, geschmückt mit Standardsituationen und Geistesblitzen von Alexander Frei. Dazu ein Derbysieg gegen kollektiv traumatisierte Endspurtversager. Anschließend durfte ganz Westfalen in der Sommerpause wieder von der Champions-League träumen. Eine Tatsache hat man dabei während der spielfreien Zeit völlig aus den Augen verloren: Den wahren Leistungsstand der Mannschaft.

Die Saison ist noch keine zwei Wochen alt, da reiben sich viele verwundert die Augen. Die Nach-Derby-Polonaise rund ums Westfalenstadion hat ihren durch die Sommerpause geretteten Schwung schlagartig verloren. Die Mannschaft präsentiert sich bei den ersten Auftritten der neuen Saison von allen guten Geistern verlassen und wer Probleme im Defensivverhalten sucht, der findet sie bereits auf der eigenen Linie. Wurden der Mannschaft in Gelsenkirchen, unter dem Dauerdruck einer eingespielten Mannschaft aus dem Favoritenkreis, die Grenzen aufgezeigt, benötigten intelligent spielende, raumgreifende Duisburger lediglich 2-3 Standardsituationen und eine verinnerlichte Handschrift des Trainers. Auffällig ist, dass die Elf für die kräftezehrende, robustere Spielweise der Bundesliga wieder einmal überhaupt nicht gerüstet scheint. Daran ist auch schon ein Steven Pienaar bei Borussia Dortmund gescheitert.

Wie stark ist die Mannschaft wirklich einzuschätzen? Die Frage, allein im Raum, wird der Sache nicht ganz gerecht. So fundamentale Erkenntnisse kann man nach dem 2.Spieltag nicht erwarten. Wenn man fair ist, muss man jungen Neuzugängen auch etwas Zeit mit auf dem Weg geben. Wenn es sein muss auch bis zur Winterpause. Allerdings ist es in der Sommerpause offenbar auch zu massiven Fehleinschätzungen gekommen. Für die Personalie Petric fehlt bis zum jetzigen Zeitpunkt eine erklärbare, ernsthaft belastbare Anbindung ans Spielsystem, in der Innenverteidigung lässt Kovac jegliche Präsenz und Bundesligatauglichkeit vermissen. Nicht nur dort wirkt er wie ein Fremdkörper in der Mannschaft. Bei ruhenden Bällen des Gegners fehlt häufig eine klar erkennbare Zuordnung in der Hintermannschaft. In der Bundesliga eigentlich täglich Brot. Solche Mechanismen muss eine intakte Mannschaft nachts um 3:00 Uhr abrufen können. Degen, gestartet als einer der Gewinner der Vorbereitung, vielleicht sogar einer der neuen Hoffnungsträger, musste seinen Platz auf der rechten Abwehrseite bereits nach einem Spiel wieder räumen. Der Spielaufbau gerät gerade zentral immer wieder ins Stocken. Die Mannschaft ist immer noch nicht in der Lage mit variablen Spielgeschwindigkeiten und kreativen Spieleröffnungen dem Gegner das Heft des Handelns aus der Hand zu nehmen. Seit Jahren schon das Sorgenkind der spielerisch limitierten Borussia, scheint dort immer noch keine Lösung gefunden.

Auf die plötzlich auftauchenden (nicht völlig unbekannten) Fragen wird Thomas Doll sehr schnell Antworten finden müssen. Der Temperatursturz vom Wochenende dürfte auch dem Trainer & seinem Stab nicht verborgen bleiben. Nach dieser Vorführung im Derby dürfte die am 12.05.2007 eingeräumte Kreditlinie nahezu erschöpft sein. Die Schonzeit für Übungsleiter endet spätestens im September. Zum Saisonstart bereits Knietief im Dispo – und der eisige Winter steht schon vor der Tür.