Die magische Nacht des Lucas Moura

Lucas schreibt seine eigene Geschichte

Tottenham hat in den vergangenen beiden Transferperioden keine neuen Spieler nach London geholt, die Spurs investieren traditionell sehr vorsichtig, zusätzlich belastet der überfällige Stadionneubau die Vereinskasse. Der Kader ist für den Fleischwolf Premier League schon knapp kalkuliert, mit der Champions-League-Belastung fast fahrlässig dünn.

Aber manchmal braucht es womöglich keine Neueinkäufe: Der letzte Spurs-Transfer stammt vom 31. Januar 2018. Für knapp 28 Millionen Euro wechselte Lucas von Paris Saint-German an die White Heart Lane.

In der französischen Hauptstadt war er nie wirklich glücklich geworden. Zwar spielte er regelmäßig, nachdem er 2012 im Alter von 19 Jahren zum damaligen Rekordtransfer aufstieg, doch zum Star wurde er nie. Gleichzeitig gingen die Karrieren vieler seiner Kollegen aus der brasilianischen U20, die 2011 Südamerikameister wurde, steil durch die Decke. Casemiro, Coutinho, Willian, Oscar. Neymar. Spätestens mit dessen Ankunft war für Lucas in Paris kein Platz mehr. Auf dem Feld und in den Vorgaben des Financial Fairplay. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, er habe Interna aus der Kabine an die Medien herangetragen.

Zu Beginn seiner Laufbahn nannten sie ihn »Marcelinho«, wegen seiner optischen Ähnlichkeit mit dem ehemaligen Freistoßspezialisten und der Ausbildung in einer von dessen Fußballschulen. Als Teenager entschied Lucas sich, dass er bei seinem eigenen Vornamen genannt werden wolle. Um seine eigene fußballerische Geschichte zu schreiben, ohne Vergleiche. Mit seinem Abschied von PSG und Neymar begann der Hauptteil. Gestern Abend stellte er mit seinen ersten drei Treffern in der K.o.-Phase der Champions League das bislang wichtigste Kapitel fertig. 

Die Grenzen verschwimmen

Als er nach seinem Treffer zum entscheidenden 3:2 abdrehte, Richtung Eckfahne lief und sich zum Freudensprung in die Luft schraubte, schien es für einen kurzen Augenblick, als würde er einfach weiter gen Himmel steigen. Das Flutlicht zauberte einen weiß leuchtenden Schein um die verschwitzt glänzende Halbglatze. Für diesen einen Moment verschwammen die Grenzen zwischen Superheld und Fußballer. Ob mit oder ohne Cape – Hauptsache Übermensch.

Lange nach Abpfiff, nachdem er doch wieder gelandet war, lief Lucas, den Ball unter dem Arm, die Hand vorm Mund, den Blick gen Himmel über den Rasen der Amsterdamer Arena. So als habe er immer noch nicht ganz begriffen, was er da vollbracht hatte.