Die letzte verrückte Bundesligasaison

Villa Kunterbunt

Wolfsburg Meister, Hoffenheim Herbstmeister, Bayern unter Klinsmann und Hertha noch im März Tabellenführer: 2008/09 war die letzte verrückte Bundesligasaison. Und zugleich der Vorbote einer neuen Zeit.

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Sechs verschiedene Teams standen im Verlauf der Saison 2008/09, deren Finale sich jetzt zum zehnten Mal jährt, an der Tabellenspitze. Heute, wo man sich schon darüber freut, wenn überhaupt mal wieder ein Verein dem FC Bayern über einen etwas längeren Zeitraum Paroli bieten kann, klingt das nach einem prallen Potpourri. Neben ihrer schieren Vielfalt wusste diese Spielzeit auch mit einer gewagten Plotentwicklung zu überzeugen.

Wann kommt es schon vor, dass der Neunte der Vorrunde am Ende die Meisterschaft feiert, während der Herbstmeister noch auf Platz sieben durchgereicht wird? Gleichzeitig wurde das Jahr allerdings ein Avantgardist des modernen Bundesliga-Zeitalters, waren es doch nicht der VfL Bochum oder der Karlsruher SC, die ihm seinen Stempel aufdrückten, sondern die als Retortenklubs geschmähten Hoffenheim und Wolfsburg. Und dennoch: ein Jahr voller Dramen und Skurrilitäten. Vorhang auf.

VFL WOLFSBURG
4. JUNI 2007
Nach seiner Entlassung beim FC Bayern im Januar 2007 findet Felix Magath endlich Zeit, seinen Vater in der Karibik zu besuchen. An seinem Domizil hat Magath kaum Handyempfang. Er verbringt die Tage weitgehend ohne Störgeräusche aus Deutschland und verfolgt das Bundesligageschehen eher peripher. Als beim Einkauf im nächstgelegenen Ort das Telefon klingelt, ist die Nummer unterdrückt. Magath hebt ab und hört die Stimme von VW-Boss Martin Winterkorn. Der VfL Wolfsburg sei auf der Suche nach einem Sportdirektor, ob er sich eine derartige Funktion vorstellen könne? Am nächsten Tag besteigt Magath einen Flieger, der ihn über New York nach London bringt, von wo es im VW-eigenen Privatjet nach Braunschweig geht. Von Trainer Klaus Augenthaler hat sich der VfL am Saisonende getrennt, als um Haaresbreite der Abstieg vermieden wurde. Als Magath vom versammelten Aufsichtsrat gefragt wird, wen er als designierter Sportdirektor in dieser schwierigen Situation als Coach holen würde, schmunzelt er. Kurz überschlägt er, welche Kandidaten auf dem Markt sind, und antwortet in der ihm typischen Art: »Mich!«

BAYERN MÜNCHEN
30. JUNI 2008
Als der neue Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann die Mannschaft zum Trainingsauftakt bittet, hat er das erste Großprojekt seiner Ära bereits beendet. 15 Millionen Euro hat der Verein investiert, um das Gelände an der Säbener Straße in ein Leistungszentrum nach seinem Gusto zu verwandeln. Lounge-Möbel, neue Fitnessräume und ein »E-Learning-Room« sollen den Spielern den neu eingeführten Acht-Stunden-Tag versüßen. Ein »Energiefeld« wolle er aufbauen, »das den Spielern viel Spaß machen wird«, hat er verkündet. Ein von Klinsmann mitgebrachter Innenarchitekt lässt Buddhafiguren im Funktionsgebäude aufstellen, die Erfolgsschwingungen aussenden sollen. Aus den USA hat der Coach Spezialisten mit nach München gebracht, doch weder der mexikanische Co-Trainer Martin Vasquez noch der brasilianische Fitnesscoach Marcelo Martins sprechen Deutsch. Klinsmanns Mantra: »Wir wollen jeden Einzelnen jeden Tag ein Stück weiterbringen, auf und außerhalb des Platzes.« Er will alles verändern, am besten sofort. Bei der ersten Pressekonferenz im Amt lässt er mitteilen, er sei allergisch gegen Blitzlicht und das Klicken der Auslöser störe ihn. Ein Eklat im medialen Treibhaus, in dem der FC Bayern seit jeher gedeiht. Und ein erster Riss im Verhältnis zu den Journalisten, das sich nicht mehr verbessern wird.

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