Die Erfolgsgeschichte von Norwich City und Daniel Farke

»All the Germans …«

Mit einem 3:2 über Meister Manchester City hat Aufsteiger Norwich City am Samstag seinen zweiten Saisonsieg gefeiert. Nicht das erste Kapitel der deutschen Erfolgsgeschichte tief im Osten Englands.

Bild: Harry Mitchell
Heft: #
209

Hinweis: Die Reportage erschien erstmals Ende März in 11FREUNDE #209. Das Heft bekommt ihr bei uns im Shop.  

Daniel Farke wurde klar, dass sein Leben sich verändert hat, als Take That in die Stadt kamen. Es war der 16. Juni 2017. Der Fußballlehrer aus Ostwestfalen befand sich auf Wohnungssuche in Norwich, seiner neuen Heimat. Die Band aus 
Manchester trat im Rahmen ihrer »Wonderland«-Tour an der Carrow Road auf, im Stadion von Norwich City. Tausende von Pop-Fans schlenderten die Straße entlang und Farke schwamm im Strom mit. Er war noch nicht mal als neuer Trainer von City vorgestellt worden und hatte in Deutschland nur unterklassig gearbeitet, zuletzt bei Borussia Dortmunds zweiter Mannschaft in der Regionalliga. Niemand kannte ihn. Dachte er jedenfalls. Doch plötzlich sprach ihn jemand an. Minuten später war er umringt von Boygroup-Fans, die alle ein Foto mit ihm machen wollten.  

»So etwas wäre mir in Deutschland kaum passiert«, sagt Farke. »Ich war zu der Zeit auch mal im Supermarkt in Norwich, weil ich ein paar Tüten Milch kaufen wollte. Wir hatten noch kein Spiel gehabt, noch nicht mal ein Training, trotzdem gab es einen unfassbaren Auflauf. Da wusste ich, dass ich meine Einkäufe von nun an kurz vor den Ladenschluss legen muss. Und am besten mit einer Kappe auf.«

»Über Daniel Farke hatte ich mich lange vorher informiert«  

Einige Wochen vor diesen Ereignissen hatte ein gewisser Stuart Webber mit Farke Kontakt aufgenommen. Der Waliser war der neue Sportdirektor in Norwich. Nach einigen Telefonaten trafen sich die beiden in Düsseldorf. Sie mochten sich auf Anhieb, vor allem aber klang gut, was der Brite dem Deutschen so erzählte. Webber war da erst 33 Jahre alt, hatte aber schon einige bemerkenswerte Stationen hinter sich. Mit Mitte 20 wurde er Chef der Scoutingabteilung des FC Liverpool und holte für kleines Geld ein 15-jähriges Talent namens Raheem Sterling an die Anfield Road. Als Sterling 2015 zu Manchester City wechselte, war das für Liverpool zwar sportlich schmerzhaft, finanziell aber ein sehr gutes Geschäft: Dank Webber verdiente der Klub 49 Millionen Pfund bei dem Deal. Im selben Jahr wechselte auch Webber selbst, denn er wurde Sportdirektor in Huddersfield und machte dort seinen ersten Nobody from Germany zum Cheftrainer: David Wagner.


Bild: Harry Mitchell

Wenn man Webber heute nach diesem Coup fragt, möchte er vor allen Dingen eines klarstellen: Er verpflichtet nicht ausschließlich Trainer der Reserve des BVB. »Als wir in Huddersfield Not hatten und plötzlich ohne Trainer dastanden, habe ich nicht im Internet nach einem neuen Coach gesucht«, sagt er. Webber sitzt in seinem Büro auf dem Trainingsgelände von Norwich City und muss lächeln. »Wobei ich übrigens glaube, dass das in England noch oft genug passiert«, fährt er fort. »Ich war vorbereitet, denn ich beobachte nicht nur Spieler, sondern auch Trainer. Ich kannte David Wagner natürlich, und genauso war es hier in Norwich. Über Daniel Farke hatte ich mich lange vorher informiert.«  

»Das passte alles«

Im Umfeld des Vereins sah das allerdings anders aus. »Es wurden so einige Leute für den Trainerposten gehandelt«, erinnert sich Chris Goreham, der seit zwanzig Jahren für die BBC über Norwich City berichtet. »Und plötzlich hieß der neue Mann Daniel Farke. Ich musste unseren Hörern erklären, wer das ist, aber ich hatte keine Ahnung. Wir verfolgen die Topteams der Bundesliga, aber nicht die Vereine der vierten Liga. Doch Farke überzeugte schon bei seiner ersten Pressekonferenz. Er kannte sich aus, sprach gut Englisch und wusste um die Bedeutung des Vereins im Umkreis von hunderten Kilometern. Er sagte, dass die Fans von besseren Zeiten träumen dürfen. Das passte alles.« 

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